Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

RE: Alle Jahre wieder

#16 von Reinhard , 20.02.2015 10:41

Bremens soziales Problem Nr 1: Armut

Armut wird in Bremen nicht nur von den Bürgern als gravierendes Problem gesehen. Vielmehr lässt sie sich auch durch objektive statistische Kriterien messen. Das belegt der gestern vom Paritätischen Gesamtverband veröffentlichte „Bericht zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland 2014“.

Auch wenn sich die Experten über eine korrekte Messung von „Armut“ streiten, sind die Ergebnisse für das Bundesland Bremen beängstigend. So weist das kleinste Bundesland nicht nur anhand der Daten für 2013 mit 23% die höchste Quote an Armen auf, sondern hat zudem noch einen deutlichen Anstieg gegenüber 2012 zu verzeichnen. Im Vergleich mit 2009 ist damit die Armut in Bremen sogar um 3,5 Prozentpunkte weiter gestiegen.

Schwieriger als diese zahlenmäßige Erfassung des sozialen Problems „Armut“ in Bremen sind die Erklärung und die Entwicklung von Maßnahmen, mit denen die Politik gegensteuern kann.

Wenn man dabei allerdings, wie es heute im Weser-Kurier anklingt, nur auf eine andere Politik im Bund setzt, der durch eine steuerliche Umverteilung für mehr Gleichheit sorgen soll, dürfte das bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen unrealistisch sein. Auch werden dabei die deutlichen Unterschiede zwischen den Bundesländern übersehen.

Deswegen kann sich Bremen nicht durch Hinweise auf falsche Weichenstellungen der Bundespolitik aus der Schusslinie bringen. Es ist auch selbst gefordert.

Wenn sich an der Weser die Armut seit Jahren verfestigt, sollte auch über Änderungen der Bildungs-, Beschäftigungs- und Stadtteilpolitik nachgedacht werden. Neben anderen Zielen muss in diesen Bereichen stärker auf die Senkung des Armutsrisikos als wichtige Aufgabe der Politik gesehen werden.

Wenn man bei den Gruppen ansetzt, die von der Armut besonders betroffen sind, wäre hier etwa an gezielte Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose und eine bessere Betreuung von Kindern zu denken, die Alleinerziehenden den Wiedereinstieg in das Erwerbsleben erleichtern.

Nicht zuletzt sollte auch das Bremer WiN-Projekt gefordert sein. Bei der Auswahl der geforderten Maßnahmen ist es schließlich nicht verboten, verstärkt die Fähigkeiten der Einwohner in den sozial benachteiligten Gebieten zu fördern, die ihnen dabei helfen, das Armutsrisiko zu reduzieren.

Reinhard  
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RE: Alle Jahre wieder

#17 von Reinhard , 25.02.2016 10:35

Schwankende, aber sehr ernüchternde Zahlen: (zu)viele Arme in Bremen

Wie schon in den Vorjahren hat auch jetzt der Paritätische Wohlfahrtsverband Armutszahlen für das Erhebungsjahr 2014 aktuell auswerten lassen. Grundlage für diese Ergebnisse sind Daten aus dem Mikrozensus, die das Stat. Bundesamt im Jahr 2014 erhoben hat. Wegen der sehr umfangreichen repräsentativen Stichprobe mit einer Fallzahl von einen hohen Fall von über 800.000 Befragten, also einer Quote von etwa 1 % der Bevölkerung, spricht man bei dieser amtlichen Erhebung von einer „kleinen Volkszählung“. Dank der breiten Datengrundlage sind aussagekräftige Sonderauszählunen nicht nur für die 16 Bundesländer, sondern auch für die deutschen Großstädte und für einzelne soziodemografische Gruppen wie Kinder und ältere Menschen möglich.

Wie es eigentlich auch nicht anders zu erwarten ist, hat sich die Armutssituation in Deutschland innerhalb eines Jahre nicht wesentlich geändert. Es gibt, wenn man die Durchschnittswerte für die Bundesländer betrachtete, nur geringfügige Schwankungen hinter dem Komma. Das kann man dann interpretieren oder es auch lassen, da sich z.B. Erhebungsfehler ne gaanz ausschließen lassen.

Allerdings lässt sich nach der jetzt veröffentlichten Daten eine sehr kleine positive Tendenz für das Land Bremen erkennen, denn der Anteil der Armen ist innerhalb eines Jahres von 24,6 % auf 24,1 % gesunken. Aber dieser Erfolg hat nicht einmal den Journalisten des lokalen Weser-Kurier vom Stuhl gerissen, denn er hat seinen Artikel mit "Bremen hat das höchste Armutsrisiko" überschrieben.

Das sehen die Gutachter selbst ähnlich, wenn sie zu den Zahlen anmerken, dass "damit .. die Quote im kleinsten Bundesland erstmals seit 2009 wieder zurückrückging", wobei jedoch "der Abstand zwischen dem Schlusslicht Bremen und dem Land mit der geringsten Armut, Baden-Württemberg (11,4 Prozent), sehr groß" blieb.

Bei diesem verfestigen sozialen Problem mit seinen existenzielle Auswirkungen für ein Viertel der Bevölkerung kann man sich fragen, warum die Armut im letzten Wahlkampf im Vergleich zur Flüchtlingsfrage kaum eine Rolle spielte. Haben es etwa die Parteien, die sich in Talkshows immer so vehement für mehr soziale Gleichheit und eine Umverteilung von Steuermitteln nach unten einsetzen, aufgegeben, sich um diese Klientel zu bemühen? Akzeptiert es der offizielle Politikbetrieb sogar, wenn die Armen zu kaum erreichbaren Nichtwählern geworden sind?

Arme sind bei diesen Berechnungen und Analysen immer ein relativer Begriff, denn die Statistiker bestimmen sie nach einem dynamischen Konzept, d.h. sie wird im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen in einer Volkswirtschaft ermittelt. Daraus folgt, dass Armut in einer reichen Gesellschaft nicht mit der in armen Gesellschaften gleichgesetzt werden kann, wo sie mit Hunger und seinen Folgewirkungen wie einem erhöhten Krankheitsrisiko, miserablen Wohnverhältnissen ohne fließendes Wasser und hygienische sanitäre Einrichtungen sowie schlechten Zugängen zum Bildungssystem verbunden ist. Das gilt nicht für die Armut in einem Sozialstaat, in dem für jedem Bürger gewisse Mindeststandards garantiert werden, auch wenn Kritiker etwa die Hartz IV-Sätze nicht für angemessen halten.

Es bleiben jedoch die abweichenden Einkommen mit ihren Auswirkungen auf die Kaufkraft etwa beim Erwerb teurer Markenklamotten und bei der Vermögensbildung. Eine mehr oder weniger direkte Auswirkung wird auch die abweichende
Nutzung von Bildungschancen sein. Vor allem wird jedoch ständig der soziale Unterschied erlebt, was nicht jeden dazu anspornt, sich mühsam vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten.

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