Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

Kulturzentrum im Sortiergebäude

#1 von Reinhard , 20.01.2016 12:07

Nur Kultur?

Die Blumenthaler Lokalpolitik ist in diesem Jahr nur mit Mühe aus den Startlöchern gekommen. Obwohl gleich für den 4. Januar eine Sondersitzung anberaumt war, ging es dann eher im Schneckentempo weiter, denn nach inzwischen zwei Beiratssitzungen konnte Herr Balz in den Nachfolgeausschüssen, für deren Vorgängerinstitutionen er ursprünglich gewählt worden war, nur zum Teil durch neu gewählte Mitglieder ersetzt werden. War das bereits eine langwierige und umstrittene juristische und politische Prozedur, hängt jetzt das Damoklesschwert von Rechtsverstößen über der weiteren Beiratsarbeit, die damit möglicherweise später für rechtswidrig erklärt werden kann.

Ein Brief des Vorsitzenden des Fördervereins Kämmereimuseum, dessen Auslöser anscheinend außerhalb der Blumenthaler Politarena zu suchen ist, riss dann als kräftiger Startschuss das Ortsamt und den Beirat aus ihrer Weihnachts- und Neujahrspause. Schließlich war seine deutliche Forderung ohne alle Umschweife direkt auf die Politiker gezielt:„Ich möchte von der hiesigen Ortspolitik lediglich wissen, ob sie hinter uns steht und inwieweit man bereit ist, uns zu unterstützen!“ (BLV vom 13.1.2016, S.18)

Dieser Brief an das Ortsamt und den Beirat war eine Reaktion auf die "Schockstarre", wie Herr Gorn seine auslösenden Empfindungen beschrieben und worunter Psychologen eine besondere Form von Panik verstehen, nachdem er und sein Förderverein zum Jahreswechsel mit zwei bitteren Nachrichten konfrontiert wurden, die sogar die Tatkraft von Menschen lähmen können, die in den letzten Jahren vielen für ihren Stadtteil getan haben. So wurde eine Sammlung von Exponaten aufgebaut, und vor allem in den beiden letzten Jahren konnte mit viel eingesetzter Freizeit und in Kauf genommenem Ärger das Image Blumenthals durch Sonderausstellungen verbessert werden, wie von vielen Seiten bestätigt wurde.

Auslöser für den Notruf des Förderverein war jetzt einerseits das endgültige Aus für das Spicarium in Vegesack zum Jahresende durch einen entsprechenden Beschluss der Deputation . Das Land Bremen, das ursprünglich im Rahmen seines Tourismuskonzepts für Bremen-Nord dieses Eventmuseum als Teil der Maritimen Meile gefördert hat, zieht damit einen Schlussstrich. Aus der Sicht von Herrn Gorn lässt sich aus dieser Entwicklung nur ein Schluss ziehen: Bremen wird in der überschaubaren Zukunft kein Geld in eine neue museale Unternehmung stecken, auch wenn es sich dabei nur um eine sehr überschaubare Summe handeln würde, wie das bei einem vom Förderverein betreuten BWK-Museum der Fall wäre.

Noch elementarer traf den Förderverein zum anderen jedoch eine Maßnahme der der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). Nachdem bereits seit Langem die Unterbringung und vor allem eine Präsentation der Exponate in alten BWK-Sortiergebäude durch das Fehlen eines notwendigen Brandschutzes und eines 2. Fluchtweges beeinträchtigt ist, gibt es dort "z. Zt. keine Heizung, kein Wasser", wie Herr Gorn das Ortsamt und den Beirat informiert.

Das ist ein Verhalten der WFB, das schon sehr an die Methoden von privaten Immobilienbesitzern erinnert, die unliebsame Einrichtungen aus ihrem Eigentum vertreiben wollen. Auch eine Auskunft, nach der der Auszug der BWK-Chemiefaser GmbH dafür verantwortlich sein soll, steht nicht für ein ungetrübte Beziehung, in der ein Eigentümer mit dm BWK-Museum eine gemeinsame positive Entwicklung für seine Immobilie anstreben will, wie es in der Öffentlichkeit bisher immer zugesichert wurde,

Gleichzeitig mit seinem Notruf an die politische Spitze Blumenthals macht Herr Gorn einen konkreten Vorschlag, der an die geregelte Zwischennutzung im Rahmen des Projektes "Palast der Produktion" der Bremer ZwischenZeitZentrale Mitte 2012 erinnert und auf das Modell der Dokumentationsstätte Kaisen-Scheune hinweist, deren Träger die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung ist.

Ohne entsprechende Ideen sieht der Vorsitzende des Fördervereins eher die Gefahr, dass ein Gebäude weiter "vor sich hindümpelt" und der öffentliche Eigentümer damit riskiert, "dass auf kurz oder lang die ersten Fensterscheiben eingeschlagen werden und sich Vandalismus breit macht." Und das ist keineswegs eine unbegründete Befürchtung, denn erste Anzeichen dafür wurden in Form abgerissener Hinweisschilder bereits fotografisch dokumentiert.

BWK-Museum, Kultur-Treff und die Entwicklung des gesamten BWK-Geländes

Damit wird sogar an relativ unwichtig erscheinenden Details deutlich, dass die Planung eines BWK-Museums etwa im Rahmen eines Kultur-Treffs für Blumenthal in einer engen Beziehung zur Entwicklung des gesamten BWK-Geländes steht. Schließlich wären ein vielfältiges Leben auf der Historischen Achse, mit er sich Passanten und Anwohnern als Teil ihres Wohnumfeldes identifizieren, der beste Schutz vor Sachbeschädigungen und Schmierereien aller Art.

Da das Für und Wider des von Bremen vorgesehene Nutzung bereits an anderer Stelle diskutiert wurde, und zwar im Vergleich zu anderen ehemaligen Textilarealen, zur Planungsgeschichte in Blumenthal und zum Bebauungsplan 1288, soll hier nur kurz über den aktuellen Stand berichtet werden, wie ihn der Ortsamtsleiter in einem Antwortbrief an Herrn Gorn dargestellt hat.

Insgesamt handelt es sich bei einer Chronik des BWK-Geländes unter der Ägide Bremens um eine fast unendliche Geschichte von nicht eingehaltenen Ankündigungen, seit 2002 die Stadt von der BWK das erste Grundstück erworben hat.

Über das hier angesprochene alte Sortiergebäude, das auf vier Geschossen eine Gesamtfläche von 6.000 qm besitzt, berichtete der Weser-Kurier Mitte Dezember 2014, dass sich der WFB-Projektleiter damals "vorstellen" konnte, in einem ersten Sanierungsabschnitt ein Drittel des Kolosses zu sanieren. Vorausgegangen war im Frühjahr ein Besuch des damaligen Bürgermeister Böhrnsen, der sich "auf dem Gelände für die Revitalisierung der einstigen Sortierung ausgesprochen" hatte. Dazu sollte Ende 2014 eine "Machbarkeitsstudie mit möglichen Grundrissen" vorliegen .

Obwohl der Beirat bereits ein Jahr zuvor einen Beschluss zur Nutzung dieses Gebäudes einstimmig verabschiedet hatte, wird dieses Forderung des Stadtteils offenbar von den zuständigen Bremer Behörden nicht einmal zur Kenntnis genommen und in die Planungen einbezogen.

Das hat sich auch ein Jahr später nicht geändert, obwohl nach den Worten de Ortsamtsleiters nicht zuletzt (der) gute Ruf der Ausstellungen über die BWK während der NS-Zeit und über die Frauen auf der BWK dazu beigetragen hat, "dass der Bürgermeister und der Prokurist der Wirtschaftsförderung sich intensiv dafür eingesetzt haben, dass die BWK-Ausstellung einen festen Platz im "entwickelten Sortiergebäude" bekommen sollte."

Diese Absicht von zwei Personen hat dann allerdings einen herben Dämpfer bekommen, da "uns beide Mitstreiter mehr oder weniger tragisch "abhandengekommen"" sind. Trotzdem soll nach den Formulierungen des Berufsoptimisten im Blumenthaler Rathaus, der kein Wort zum größeren Rahmen eines Kultur-Treffs verliert, die Entwicklung des Sortiergebäudes "von der WFB nach wie vor verfolgt" werden und "damit auch perspektivisch eine Option für das Museum" ermöglichen. Dabei hat sich jedoch - wieder einmal muss man wohl anmerken - "die Zeitschiene" "allerdings verändert." Dieser Euphemismus eines Politikers, der offenbar Enttäuschungen auffangen soll, kann jedoch nicht vergessen machen, dass die Arbeits- und Lebensschiene jedes Menschen begrenzt ist.

Die politische Grundlage: Der vom Beirat beschlossene Kultur-Treffpunkt

Politische Grundlage für die Errichtung eines Kulturzentrums auf dem BWK-Gelände ist ein Antrag der SPD-Fraktion, den der Blumenthaler Beirat am 9.12.2013 einstimmig beschlossen hat. Damals stellten die politischen Repräsentanten Blumenthals unter dem Titel "Für Blumenthal einen Kultur-Treffpunkt entwickeln" fest, dass "Blumenthal "einen Ort" braucht, um "die vielfältigen kulturellen Initiativen zu bündeln und neue Formen der Stadtteilkultur zu entwickeln." Zu diesem Zweck schlug man vor, "im ehemaligen Sortiergebäude der Bremer Wollkämmerei AG einen „Kultur-Treffpunkt“ einzurichten."

Für die Wahl des Gebäudes spricht dabei nach den Worten der Antragsteller, "dass die Bewohner
Blumenthals und der Region die historische Architektur und die neuzeitliche Entwicklung der BWK
wahrnehmen können und die historische Achse belebt wird."

Ganz besonders stellt der Antrag die Unterbringung eines "ehrenamtlich geführten Kämmereimuseums" heraus, das im Sortiergebäude "eine dauerhafte Heimat finden" soll. Ergänzend will der Beirat "Platz bieten für Ateliers, für Theater und Musik". Zudem sieht man im Kulturzentrum einen guten Standort für die Stadtbibliothek, die "gemeinsam mit dem Kämmereimuseum einen außerschulischen Lernort errichten" kann.

Gleichzeit wurde in der Beiratssitzung vor gut zwei Jahren ein Zusatzantrag der Grünen ebenfalls einstimmig mit 13 Ja-Stimmen verabschiedet, der einen Prüfauftrag für die "Bereitstellung der ehemaligen BWK-Gebäude in Ateliers und Arbeitsräume (Lofts) für Künstler und Jungunternehmer" vorsieht.

Wichtig für die praktische Umsetzung dieser teilweise vage formulierten Vorschläge sind die konkreten Aufgaben, die von den gewählten Vertretern Blumenthals an die zuständigen Bremer Behörden mit diesem verabschiedeten Antrag erteilt wurden. So wurde der Senator für Kultur aufgefordert, einen Wettbewerb auszuschreiben, in dem Ideen für die Gestaltung und Nutzung des Gebäudes entwickelt werden sollen. Von den Wettbewerbsteilnehmern werden neben diesen achitektonischen Aufgaben "auch Vorschläge für die Finanzierung von Umbaumaßnahmen und den Betrieb des Treffpunktes" erwartet. Man hat sich also in Blumenthal für eine Art märchenhafter "Tischlein deck' dich-Lösung" ausgesprochen und die Regelung praktisch aller Probleme an ominöse "Wettbewerbsteilnehmer" delegiert, die sich in Form dieser notwendigen eierlegenden Wollmilchsäue kaum finden lassen dürften.

Nicht einmal an einer trotzdem offenbar erwarteten Auswahl von Vorschlägen will sich der Beirat intensiv beteiligen; denn abschließend heißt es im Antrag: "Über die Vorschläge soll dann eine Jury befinden und die Ergebnisse sollen öffentlich diskutiert werden."

Außenstehende werden diesen Antrag und Beschluss daher vermutlich weniger als ein Projekt gesehen haben, das Blumenthal intensiv verfolgt, sondern eher als Stichwort auf einem vorweihnachtlichen Wunschzettel, über den sich niemand konkrete Gedanken gemacht hat.

Zurück aus der kulturellen Diaspora!

Verglichen mit der eigenen Vergangenheit, aber auch dem Wandel im näheren und weiteren Umland lässt sich kaum von Erfolgen einer stadtteilbezogenen kulturellen Entwicklung sprechen. Das lässt sich an relativen Kleinigkeiten bereits im Ortsbild erkennen, wenn mit den vorhandenen Plastiken, die an eine bessere Zeit erinnern, wenig pfleglich umgegangen wird und die Idee eines öffentlichen Bücherschranks sogar vom Ortsamt kategorisch zurückgewiesen wurde. Da sind es dann fast vergessene Erinnerungen, wenn jemand von den früheren Aktivitäten der Vorsitzenden des Blumenthaler Bürgervereins Irmgard Jelkmann-Groß (Sir Charles, 50, S .9) oder von den zeitgeschichtlichen Vorträgen bekannter Autoren berichtet, die der ehemalige Bibliotheksleiter nach Blumenthal holen konnte. Das gilt auch für größere kulturellen Ereignisse wie die Aufführung der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in der Fliegerhalle der BWK.

Inzwischen scheinen hier die personelle und die räummäßige Infrastruktur zu fehlen, da sich Blumenthal auch insgesamt immer noch nicht vollständig aus der Schockstarre, die mit dem Ende der BWK verbunden war, gelöst und zu einem selbstbewussten Neuanfang aufgerafft hat.

Kulturkreise in anderen Regionen

Eine eher verborgene lokale Kunstszene ist keineswegs für das heutige Deutschland typisch, wo es für viele Angebote nicht nur Künstler, sondern auch ein interessiertes und engagiertes Publikum gibt. Ein gestiegenes Bildungsniveau und ein demografischer Wandel, der auch mit vielen aktiven Pensionären und Rentnern verbunden ist, sorgen hier für ein breites Nachfragepotenzial. So besteht sogar in kleinen deutschen Gemeinden, die weder über große Mäzene und Sponsoren verfügen, eine lebendige lokale Kulturszene.

Wie sich ein solches Angebot entwickeln kann, soll hier nur kurz an einem Beispiel aus dem niedersächsischen Landkreis Schaumburg skizziert werden.

Von der Siedlungsstuktur her weist diese Region zwischen der Grenze NRWs und der Landeshauptstadt Hannover eher Nachteile auf, da sich die gut 150.000 Einwohner auf 12 Samt- und Einheitsgemeinden verteilen, die teilweise im Rahmen der Samtgemeinden als Kleinstgemeinden fortbestehen. Eine durchschnittliche Gemeinde besitzt damit nur die Größe von Ortsteilen wie Blumenthal und Lüssum.

Das gilt auch für die Samtgemeinde Rodenberg mit dem Flecken Lauenau, der durch die Schließung eines großen Herstellers von Schulmöbeln vor ähnlichen Herausforderungen gestanden hat wie Blumenthal nach dem Untergang der BWK. Hier wurden durch die Nutzung der Gebäude als Gewerbepark, in dem auch Teile zu Wohnungen umgebaut wurden, räumliche Voraussetzungen geschaffen, die das Amts- und Fleckenmuseum, das durch die Mitglieder des Heimat- und Museumsverein Lauenau und Umgebung e.V. unterhalten wird, mehr als ergänzen. Hierzu zählen eine "Sägewerk" genannte Veranstaltungshalle, ein großes Künstleratelier im ehemaligen Kesselhaus sowie eine weitere Kunstetage.

In diesen Räumen organisieren die Lauenauer Runde, ein Zusammenschluss vor allem von Gewerbetreibenden wie Blumenthal aktiv, eine Künstlerpojektgruppe "Kunstetage"
und der Künstler Thomas Ritter mit seinem Freundeskreis eine breite Palette von Veranstaltungen.

Zuhörer und Zuschauer kommen dabei nicht nur aus dem kleinen Flecken mit seinen gut 4.00 Einwohnern und der Samtgemeinde Rodenberg mit knapp 16.000 Einwohnern, sondern auch aus der weiteren Umgebung. Dafür sorgt vor allem ein attraktives Programm, das sich neben Ausstellungen der Werke bildender Künstler aus dem Landkreis Schaumburg Schwerpunkte im Bereich Kabarett und ausgewählter Musiker und Musikgruppen setzt. So haben in Lauenau Kabarettisten wie Jürgen Busse, Thomas Freitag, Ingolf Lück und Richard Rogler für Unterhaltung gesorgt.

Hinzu kommen "Konzerte im Kesselhaus Lauenau", das sich als ein Künstleratelier versteht, "das zugleich Bühne für feine Musik ist - engagiert, kreativ, frei, unabhängig - nicht gewinnorientiert". Einige Beispiele der Live-Vveranstaltungen im Ambiente eines großen Künstlerateliers findet man sogar unter youtube, so etwa Melanie Dekker | mit "Saturday Night Show"



und The Moorings mit "Dirty Old Town"



Ein Zusatzangebot findet man in der Nachbarstadt Bad Nenndorf, wo neben einem eigenen KulturForum Bad Nenndorf die Kinofreunde Bad Nenndorf e.V. Filme für ein anspruchsvolleres Publikum vorführen, sowie in der ehemaligen Residenzstadt Bückeburg, wo heute deutlich weniger als 20.000 Einwohner leben, für die der Kulturverein Bückeburg e.V. u.a. einmal im Jahr eine "Lange Nacht der Kultur" veranstaltet.

Integration durch Kultur

Ein lokales kulturelles Angebot kann nicht nur die Wohn- und Standortqualität eines Stadtteils erhöhen, was die WFB offenbar bisher nicht zur Kenntnis genommen hat. Wer sich mit Standortfaktoren beschäftigt, die heute bei der Ansiedlung von Arbeitsplätzen ein Rolle spielen, wird die Bedeutung der weichen Vorteil erkennen. Es ist nicht eine Kaje, wie die Lobbyisten in Bremen zumindest lange Zeit gedacht haben, die für zusätzliche Arbeitsplätze sorgt, sondern vielmehr die Qualität eines Stadtteils als Wohnstandort und Imageträger. Über ein attraktives Kulturzentrum könnte die WFB daher nicht nur die Vermarktung der Flächen erleichtern, sondern gleichzeitig ein Modell anbieten, an dem sich ein weiterer städtebaulich adäquater Ausbau der Historischen Achse orientieren kann.

Inzwischen kann und muss man das Kulturzentrum noch unter einem weiteren Gesichtspunkt sehen. Wie das aktuelle Bremer Integrationskonzept feststellt, ist im Kulturbereich "ein hohes und anerkennenswertes Engagement für Flüchtlinge und zur Flüchtlingsfrage eigeninitiativ vorhanden". Dabei wird besonders die "Partizipation von Flüchtlingen .. u.a. mit theaterpädagogischen und künstlerischen Ansätze herausgestellt. (Integrationskonzept, S. 55f.)

Dabei bestehen es sogar Möglichkeiten für die gemeinsame Nutzungen von Räumen, aber auch die Durchführung von Veranstaltungen. Als Beispiele lassen sich hier zwei Angebote aus dem vorgeschlagenen Konzept eines virtuellen BWK-Museums mit lokaler Bodenhaftung heranziehen. Dort werden zwei Räume empfohlen, von denn einer mit Monitoren ausgestattet ist, die einen Zugang zu den digitalen Materialien des Fördervereins Kämmereimuseum und die gesamte Wollthematik erlauben. Her wäre leicht eine Ergänzung auf andere Themenbereiche möglich.

Noch bessere Perspektiven für eine ganz reale Zusammenarbeit von Alt-Blumenthalern und Flüchtlingen kann ein Raum bieten, in dem sich dank des entsprechenden Handwerkszeugs die verschiedenen Stufen der Wollveredelung vom Waschen über das Färben bis hin zur Herstellung kunstgewerblicher Artikel ausführen lassen. Hier könnten Flüchtlinge, die aus Ländern wie Afghanistan, dem Irak, dem Iran und aus Syrien stammen, in denen die Schafzucht und die handwerkliche Wollverarbeitung eine größere Rolle spielen als in Deutschland, die Fähigkeiten sogar an Deutsche vermitteln. Das wäre dann eine konkrete kulturelle Bereicherung, die nicht bloß abstrakt bleibt.

Da sich vor allem aufgrund demographischer Effekte die Bürgervereine wie Blumenthaler Bürgerverein e.V. seit 1901, der Rönnebecker Bürgerverein e.V. und der Bürgerverein Lüßum e.V.
zu Geselligkeitsvereinen älterer Einheimischer entwickelt haben, steht "die Pflege des gemeinschaftlichen kulturellen Zusammenlebens" heute weniger im Zentrum der Aktivitäten, wie das vielleicht früher einmal der Fall war.

Damit zeichnet sich in Blumenthal ein Potenzial für einen weiteren Ausbau des bestehenden lokalen Kulturangebots ab, zu dem bisher u.a. der Schifferchor Rekum, die Volkstanz- und Trachtengruppe "De Blomendaler" sowie das Event "Rock die Burg"der Old Tablers 292 Lesmona zählen.

Damit kann das Ortsamt hier eine wichtige Aufgabe in Angriff nehmen, wenn es ganz entsprechend dem § 28 des Ortsbeirätegesetzes vermutlich interessierte Bürgerinnen und Bürger anspricht, die sich entweder als KünstlerInnen oder aktive Ehrenamtliche bei der Vorbereitung und Organisation von lokalen Kulturveranstaltungen einbringen wollen. Dabei geht es, wenn man die Erfahrungen aus anderen Regionen heranzieht, vor allem um die Kontakaufnahme zu denkbaren KünstlerInnen und die ganz praktischen Arbeiten bei der Durchführung wie die Werbung für die Veranstaltungen, die Bewirtung der Teilnehmer, die Aufstellung von Sitzgelegenheiten und nicht zuletzt auch die Sauberkeit des Veranstaltungsraums.

Das Ortsamt müsste also ganz konkret bei dieser ersten Ansprache eines Kreises von interessierten Ehrenamtlichen die Beiratsmitglieder "bei der Erfüllung ihrer Aufgaben .. unterstützen und ihre Beschlüsse bei den zuständigen Stellen .. vertreten" (OBG §29 (1)), nachdem es zuvor den "gegenseitigen Kontakt zwischen den Einwohnerinnen und Einwohnern, Beiräten und zuständigen Stellen" gefördert hat (OBG §29 (2)). Aber alle diese Aufgaben bei der Vorbereitung von einer oder mehreren kulturellen Initiativen dürften eigentlich nichts Ungewöhnliches sein, denn per Gesetz sind die Ortsämter in Bremen "gehalten, bei allen Angelegenheiten von öffentlichem Interesse tätig zu werden". (OBG § 29 (3))

Arbeitsgruppe Kulturzentrum

Nach den beschriebenen Erfahrungen, die Blumenthal bisher mit den Senatsbehörden für Kultur und Wirtschaft sowie der WFB Bremen machen musste, kann es für die Beiratspolitik gerade auch bei der Durchsetzung eines Kulturzentrums auf dem BWK-Gelände kein "Weiter so!" geben. Es hat sich vielmehr gezeigt, dass sich wie auch in vergleichbaren anderen Fällen die Blumenthaler Legislative nicht damit begügen kann, mehr oder weniger allgemeine Aufträge an die Landesverwaltung zu beschließen und dann zu glauben, die zuständigen Behörden würden alles in einer gewünschten Weise bearbeiten.

Diese Einstellung vergisst zumindest zwei Merkmale jeder Bürokratie: zum einen werden die Mitarbeiter generell dazu tendieren, ihren Arbeitsaufwand zu reduzieren, was dann besonders leichtfällt, wenn es keine konkreten, terminierten Vorgaben gibt, die sich überprüfen lassen.

Und zum anderen haben die Behördenmitarbeiter immer auch ihre eigenen Meinungen zu den Beschlüssen von Beiräten und werden zudem von den Wünschen und Interessen anderer Stadtteile beeinflusst. Dabei gilt dann die ganz simple Rechenregel, dass sich ein Euro nur einmal ausgeben lässt, wenn man ihn also in ein Blumenthaler Kulturzentrum investiert, steht er nicht mehr für Vegesack, die Überseestadt oder die Bremer City zur Verfügung.

Der Beirat muss diese Gefahren für die praktische Umsetzung seiner Beschlüsse daher möglichst frühzeitig berücksichtigen.

Um endlich zu einem konkreten Konzept für das Kulturzentrum zu gelangen, sollte der Beirat zumindest mit einem eigenen ersten großen Schritt beginnen. Er muss deutlich dokumentieren, was er für den beschlossenen Kultur-Treff benötigt und dass er sich nicht von seinem Beschluss abbringen lassen wird. Das kann beispielsweise durch feste Termine für einzelne Teilschritte mit Fortschrittsberichten im Beirat erfolgen.

Der Stadttteil hätte daher konkret zu definieren, was er im Detail benötigt, und diesen Bedarf möglichst im Hinblick auf das vorhandene Sortiergebäude Raum für Raum zu präzisieren. Dabei müssten sich Vertreter der angesprochenen Teilbedarfe, also der Förderverein Kämmereimuseum, von dem die ersten Anstöße ausgegangen sind, Fraktionsmitglieder, die die Vorschläge für einen Kultur-Treff entwickelt haben, die Flüchtlingsinitiative, die Ideen für Integrationsangebote einbringen kann, sowie die Mitglieder von neuen Kulturinitiativen an einen Tisch setzen. In einem solchen Arbeitskreis, der nicht nach parteipolitischen, sondern nach fachlichen Gesichtspunkten zusammengesetzt sein sollte und vom Beirat zu beauftragen wäre, sollten selbstverständlich architektonische Kenntnisse, Erfahrungen mit dem Verwaltungshandeln und mit der Finanzierung öffentlicher Projekte auch außerhalb der engen Vorgaben von WFB und Kulturbehörde möglicht nicht fehlen.

Und das liebe Geld

Die aktuelle kritische Situation für die Arbeit des Fördervereins Kämmereimuseum, die zu diesen berlegungn geführt hat, lässt sich auch als Finanzierungproblm reduzieren; denn ohne eine finanzkräftigen Mäzen, der der WFB eine gewünschte Miete zahlen kann oder sogar die benötigten Räumlichkeiten abkaufen gäbe es das Problem nicht und das Ortsamt und der Beirat würden ein gelungenes Projekt BWK-Museum an der Historischen Achse feiern.

Aber diese Bedingung ist bekanntlich nicht erfüllt, sodass man sich nach anderen Wegen umsehen muss, auf denen sich die Kosten senken und die Mittelbeschaffung auf andere Schultern verteilen lässt. Das könnten neben der WFB, die in einem Kulturzentrum doch noch einen guten Schlüssel für die Vermarktung von Immobilien mit einer Baugeschichte sieht, Stiftungen sein. Denkbar sind dabei vorhandene, die sich beispielsweise auf Integrationskonzepte fokussieren, eine umgewandelte Bürgerstiftung Blumenthal oder - ganz ohne deren bisherige Vergangenheit tragen zu müssen - eine neue Bürgerstiftung Kulturzentrum Blumenthal. Das wäre zumindest ein Versuch, bei dem jeder Stifter weiß, wofür sein Geld eingesetzt wird. Aber er kann sich auch selbst an der Ausgestaltung des Projekts beteiligen, also einer wirklichen Stiftung von Bürgern für andere Bürger, die über die Kultur Impulse für eine bessere Entwicklung des suburbanen Stadtteils Blumenthal gibt.


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Aufstieg und Fall Blumenthals

#2 von Reinhard , 27.01.2016 14:43

Aufstieg und Fall Blumenthals

Wer heute über das BWK-Gelände geht, wird kaum glauben können, dass es hier wie auch in anderen Teilen Blumenthals vor mehr als einem Jahrzehnt einmal ein reges kulturelles Leben zu finden war. Eine der letzten Veranstaltungen dieser Blütezeit, die eine besondere symbolische Bedeutung besitzt, fand am 8. September 2000 in der Fliegerhalle statt, die damals als Lager für die Rohwolle der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) genutzt wurde.

Dieses Jahr an der Jahrtausendwende bedeutete für die BWK und damit auch für Blumenthal einen ganz besonderen Einschnitt; denn das Unternehmen hatte nach zwei herben Verlustjahren mit Elders einen neuen Großaktionär bekommen, wodurch die Geschäftspolitik nicht nur in Blumenthal und Bremen bestimmt wurde, sondern vor alle auch entsprechend den Interessen des großen Eigentümers und Kapitalgebers im fernen Australien.

Ein großes kulturelles Finale

Als Finale der kulturellen Blütezeit Blumenthals wurde die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" gespielt. Diese Aufführung erfolgte im Rahmen des 11. Musikfestes Bremen durch das BBC Philharmonic Orchestra, während bei der Auswahl des Stückes das damalige Weill-Jahr eine Rolle gespielt hat.

Damit scheint die Oper sogar durch ihren Titel einen Bezug zum Austragungsort zu besitzen, da Blumenthal mit der Gründung der BWK einen raschen Aufstieg zu einer industriell geprägten Kreisstadt erlebte, bevor sich mit dem folgenden Niedergang des Großunternehmens die ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen deutlich verschlechtert haben.

Reales und fiktives Mahagonny

Sieht man von dieser Möglichkeit einer speziellen Interpretation des Titels ab, lässt sich das fiktive Mahagonny nicht mit dem realen Blumenthal verglichen, da in dem vom Bremer Kaufmannsgeist geprägten Unternehmen nicht die Moral von Sodom und Gomorra Einzug gehalten hat, wie es der Marxist Bertolt Brecht für seine kapitalistische Modellstadt jenseits des Atlantiks erwartet. Während etwa die Frauen in Mahagonny nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Körper verkaufen mussten, wurde in Blumenthal zwischen dem Management und den Arbeitnehmern über Lohnhöhen, Arbeitszeiten und die Rolle des Betriebsrates und der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gestritten.

In der Oper, die im intellektuellen Klima der Berliner Roaring Twenties entstanden ist, wird damit wie auch in anderen Stücken Brechts die These dichterisch umgesetzt, nach der im Kapitalismus Moral und Ethik der Profitmaximierung untergeordnet werden. Das gilt dann wie unter einem Brennglas in einer Goldgräberstadt, also einer boomenden Siedlung, die kaum stabile Institutionen aufweist.

Das Blumenthaler Woll-Ambiente

Auch wenn die Vorstellung im Jahr 2000 nicht mehr wie noch andere Aufführungen einige Jahre zuvor von de BWK wegen ihrer angespannten Finanzsituation finanziell unterstützt wurde (Sir Charles, 45, S.8), sorgte die Kämmerei für ein ganz besonderes Ambiente, die vermutlich einmalig auf de Welt war. Diesen Unterschied machten die Rohwolleballen aus, die an den Wänden der in der 30 m breiten und 70 m langen freitragende Fliegerhalle 2,5 m hoch aufgestapelt waren, um den "Hall zu dämpfen",wie Patric Leo, der Technische Direktor des Musikfestes, erläuterte. Trotzdem dieses Provisoriums hatte für ihn hat die „spröde alte Halle“ ihren besonderen Reiz. (Norddeutsche vom 7.9.2000)

Aber nicht nur diese Wollballen, die "gut für die Akustik" waren, erinnerten während der Opernaufführung an den ganz realen Ort der musikalischen Events, denn die Rohwolle schluckte nicht nur Töne, sondern gab auch Geruchsmoleküle an die Umgebung ab. 1.200 Besucher erlebte also eine Oper mit Schafsgeruch. Dazu zählten auch viele Mitarbeiter der BWK und Blumenthaler, die, wie der BWK-Sprecher anmerkte, "die Konzerte" nutzten, "um das gleich vor ihrer Haustür liegende Unternehmen endlich auch einmal aus der Nähe zu sehen."

Zusammenfassend titelte die Werkszeitung über dieses Kunstereignis mit realen Bezügen damals: "Bravo-Rufe für Brecht's Kapitalismus-Kritik" (Sir Charles, 46, S. 8)

Mahagonny zum Nacherleben

An die Aufführung in der Blumenthaler Fliegerhalle erinnern heute nur noch die Erzählungen damaliger Besucher und die vergilbenden Zeitungsartikel in der Norddeutschen und der Werkszeitung Sir Charles. Wen jedoch vor allem die Oper interessiert, kann sie inzwischen in einer anderen Aufführung über youtube im Internet erleben. Das gilt sowohl für den bekannten Alabama Song



als auch die Oper insgesamt:


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zuletzt bearbeitet 30.01.2016 | Top

Australien in Blumenthal

#3 von Reinhard , 29.01.2016 13:30

Australien in Blumenthal

Die Verbindung zwischen der Bremer Woll-Kämmerei und dem Musikfest, die im Jahr 2000 einen Höhepunkt, aber auch bereits wegen der wirtschaftlichen Situation der BWK ihr Ende erlebte, hat 1995 begonnen.

Damals suchte der Leiter des Bremer Musikfestes nach einem australischen Ambiente in Bremen, um damit einen Bezug für ein Konzert des Sydney Symphony Orchestra und den Besuch der Gattinnen des australischen Premierministers Keating und des australischen Botschafters in Deutschland herzustellen.

Da drängte sich ein suchender und prüfender Blick auf die BWK zwangsläufig auf, da hier große Teile der australischen Rohwolle bereits seit Jahrzehnten gewaschen und gekämmt wurden. Auch hatte man zwei Jahre zuvor mit der Wollkämmerei in Geelong einen zweiten großen Standort neben Blumenthal auf dem fünften Kontinent in Betrieb genommen.

Wie der Pressesprecher anschließend die Öffentlichkeit informierte, war der Vorstand von dieser Idee „hellauf begeistert“ und entschloss sich, "trotz „schwieriger Wirtschaftslage“ seinen Sponsorenvertrag für das Musikfest zu leisten und eine Lagerhalle zur Verfügung zu stellen.“ (Norddeutsche vom 31.8.1995)

Die Aufführungen in ungewöhnlichen Räumen waren, wie es in einem kurzen historischen Abriss des Musikfestes heißt, zum Konzertsaal umfunktionierte Produktionshallen mit "ganz eigener progressiver Atmosphäre" und zudem in der Nähe zu den Sponsoren des Musikfestes Bremen. So konnte man die Musik nicht nur im Konzerthaus Glocke, dem St. Petri Dom, der Unser Lieben Frauen Kirche oder dem Rathaus erleben. Vielmehr waren "Vladimir Ashkenazy zwischen Kaffeesäcken, Sir John Eliot Gardiner in einer Schiffswerft, Anne Sofie von Otter in einem Fruchtterminal, Paquito D’Rivera in einem ehemaligen Schwimmbad, STOMP in einer ehemaligen Werfthalle oder Jessye Norman in einem Flugzeughangar zu sehen und zu hören.

Für die Blumenthaler Verbindung von Musik und australischer Schafwolle wählte man die "Fliegerhalle", die der BWK als Lager für Rohwolle diente. Allerdings stellte die neue Nutzung ganz besondere Anforderungen an die Halle, die sich von denen einer Wolllagerung unterscheiden. Das galt etwa für die großen Maueröffnungen an der Stirnseite der Halle, was die Luftzirkulation und damit
der Wolllagerung zugutekam, nicht jedoch einem konzentrieren Musikgenuss von Besuchern. Es mussten daher Tore installiert und - entsprechend den feuerpolizeilichen Auflagen - Notausgänge gebaut werden. Dieser Hallenumbau, der die Voraussetzungen für eine weitere Verwendung als Konzertsaal in den folgenden Jahren schuf, soll insgesamt knapp 20.000 DM gekostet haben.

Es waren jedoch nicht nur bauliche Veränderungen erforderlich, um aus einer Lagerhalle für Rohwolle einen Konzertsaal zu machen. So musste das Jugendorchester Bremer-Nord an mehreren Tage Probesequenzen spielen, um Mikrofone und Kameras auszurichten und einzupegeln.

Für die geladenen Gäste der Konzertveranstaltung gab der BWK-Chef - es war Herr Georgi, der mit seiner Entscheidung zugunsten eines australischen Kämmereistandortes in Geelong ein ganz besonderes Verhältnis zum Schafwollkontinent auf der Südhalbkugel hatte - zunächst einen Empfang mit den üblichen Begrüßungsreden. Dabei unterhielt der BWK-Vorsitzende seine Gäste mit einer Anekdote, in der die Bedeutung der BWK für die Wollindustrie herausgestellt wurde. Danach konnte Anfang des 20 Jahrhunderts der australischen Premierminister beim Besuch einer Abordnung aus Bremen diesen Herkunftsort nicht lokalisieren. Um seine regionale Vermutung zu überprüfen, fragte er daher: „Bremen - liegt das nicht bei Blumenthal?“

Insgesamt wurde das Konzert für knapp 2.000 Besucher (Sir Charles, 26, S. 2) zu einem einmaligen Erlebnis, und das nicht zuletzt wegen des besonderen Ambientes, wobei das „grelle Ausleuchten der Bühne die Schatten vertiefte und eine unwirkliche Atmosphäre schuf“. Für das Gesamterlebnis war aber vor allem die Musik verantwortlich. So schrieb damals Ulf Fiedler in der Norddeutschen: „Mozarts Musik überwand mühelos das Sperrige, Monströse der Umgebung und verwandelte mit ihrer magischen Kraft die Lagerhalle in einen Konzertsaal.“ (Norddeutsche vom 4.9.1995)

Der Pianist und Gastsolist Christian Zacharias war von der Atmosphäre in der Wollhalle sehr beeindruckt, wie die Werkszeitung über diesen 2. September 1995 berichtete: "...zuerst denkt man, das geht doch gar nicht. Und dann klingelt's und es ist unvergesslich. Ich finde solche Orte sollte man entdecken und viel mehr Musik dort machen". (Sir Charles, 26, S. 2)

Das Ambiente war im September 1995 jedoch nicht alles. Es gab auch Musik, die sich im Internet, wenn auch von anderen Interpreten, weiterhin anhören lässt.

Gespielt wurden:

- Enyato III als deutsche Erstaufführung des Komponisten Ross Edwards,

- das 24. Klavierkonzert c-moll KV 491 von Wolfgang Amadeus Mozart und zum Abschluss



- die Alpensinfonie von Richard Strauss


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zuletzt bearbeitet 30.01.2016 | Top

Atonales statt Rohwolle

#4 von Reinhard , 05.02.2016 18:05

Atonales statt Rohwolle

Sprach beim Bremer Musikfest 1995 für das Konzert des Orchesters aus Sydney in der BWK-Lagerhalle der gemeinsame Bezug um 5. Kontinent, galt diese simple regionale Verbindung nicht für die folgenden Veranstaltungen, die in den kommenden Jahren auf dem Werksgelände der BWK erfolgen sollten. Für die Wahl eines ungewöhnlichen Konzertsaals in einem großen Industriebetrieb mussten jetzt Argumente sprechen, die sich aus die präsentierten Musik ableiten ließen. So benötigten die Macher des Musikfestes im Jahr 1996 offenbar einen Raum, der nicht unbedingt den Wohlfühlinteressen eines klassischen Konzertbesuchers entsprach. Vielmehr sollte bereits das räumliche Ambiente einen Kontrapunkt zu vielen üblichen Erwartungen setzen.

Dieselbe Vorliebe für Gegensätze galt in diesem Fall bei der Auswahl der Musikstücke, die vom Ensemble Modern gespielt wurden. So standen gleichzeitig "Mixtur" von Karlheinz Stockhausen aus dem Jahr 1964, d.h. ein Stück, in dem der Komponist teilweise die klassischen Orchesterinstrumente durch elektronische Klänge ersetzte, und Beethovens 5.Sinfonie auf dem Programm, also eines der berühmtesten und populärsten Stücke der klassischen Musik, das auch unter der Bezeichnung "Schicksalssinfonie" bekannt ist und dessen erste Aufzeichnungen bis in das Jahr 1800 zurückreichen.

Um seinem Publikum einen Brückenschlag für diese extrem heterogene Zusammenstellung des Konzerts anzubieten, musste sich der Dirigent Peter Eötvös zunächst in einer Ansprache "redlich mühen", seine Begeisterung für Stockhausen und seine Verehrung für Beethoven zu vermitteln. Neben diesen subjektiven Emotionen fand er dabei eine Gemeinsamkeit in der Rolle der beiden Kompositionen als "Revoluzzer, als Eisbrecher für ein kommendes, grundsätzlich Neues." Allerdings scheint das trotz des großen Engagements nicht vollkommen gelungen zu sein, wie die Kunstrezension im Weser-Kurier trotz aller üblichen Höflichkeiten erkennen lässt. (Weser-Kurier vom 12.9.1996)

Ein Komponist mit Vorgeschichte

Ein Grund für die skeptische Haltung können Anekdoten und Geschichten gewesen sein, die über den Komponisten kursierten. So wurde sogar von einem handfesten Skandal im November 1969 berichtet, als in der Bonner Beethovenhalle sämtliche Werke Stockhausen aufgeführt wurden, wozu der Künstler als musikalische Verbindung ein Instrumentalglissando geschrieben hatte, das er "Fresco" nannte und das seine Uraufführung in der seinerzeitigen Bundeshauptstadt erlebte.

Damals soll es zu es einer kleinen Revolution der Musiker gekommen sein, die sich aufgrund ihres Musikverständnisses weigerten, die neuen Töne in der von Karlheinz Stockhausen vorgegebenen Anordnung einem Publikum zu präsentieren. Sie hinterfragten damals Anweisungen wie „Glissandos nicht schneller als eine Oktave pro Minute“ und informierten sich sogar telefonisch bei ihrer Gewerkschaft, ob sie als Teil des Orchesters unter Bedingungen, die für sie nicht mit ihrem Berufsverständnis als Orchestermusiker im Einklang standen, tatsächlich zum Spielen verpflichtet seien. Ihren Protest gegen ihre "Zwangsarbeit" machten die Musiker sogar während der Uraufführung deutlich, als das Publikum auf einem Schild „Wir spielen oder wir werden entlassen!“ lesen konnte. Auch sollen während der Aufführung bei einigen Notenpulten plötzlich Karten mit dem Text „Stockhausen-Zoo. Bitte nicht füttern!“ zum Vorschein gekommen sein.

Einige Musiker drückten ihr Missfallen gegenüber Stockhausens Musik und damit ihrer eigenen künstlerischen Arbeit sogar durch eine sichtbare Arbeitsverweigerung aus, als sie vorzeitig das Konzert verließen, obwohl der Komponist eine Präsentation seines Tonarrangements von vier bis fünf Stunden angesetzt hatte.

Aber es gab nicht nur diesen ganz besonderen arbeitsrechtlichen Konflikt zwischen dem Komponisten als Chef und den Musikern als den notwendigen Produzenten der Töne. Auch unter den Musikliebhabern bildeten sich Parteien. So protestierten die Stockhausen-Fans gegen das Verhalten der Musiker, während sich Stockhausen-Gegner nach einem Bericht im Nachrichtenmagazin Spiegel auf Turnmatten, die vom Bundesgrenzschutz ausgeliehen waren, Petting übten, Skat spielten und das Orchester hänselten: "Eine herrliche Pinkelmusik, die ihr da spielen müßt!".

Schließlich endetet die Uraufführung als Debakel, da es Unbekannten gelungen war, die Lichter an den Pulten auszuschalten, so dass die Musiker im Dunkeln saßen. Die Aufführung endete daher nach 260 Minuten, weil die Orchestermusiker ihre Mitwirkung mehr der weniger freiwillig eingestellt hatten.

Die musikalische Mixtur in der Fliegerhalle

In Blumenthal konnte man so durch die Kombination von Stockhausen und Beethoven ein "ungewöhnliches Konzert in einer ungewöhnlichen Umgebung" erleben, wie es Ulf Fiedler beschrieb (Norddeutsche vom 12.9.1996), oder als einen "Mix aus Beethoven und Ringmodulatoren", wie es Stephan Cartier als Titel für seine Schilderung wählte. (Weser-Kurier vom 12.9.1996)

Damit sich Konzertbesucher auf die anschließende Klassik um- und einstellen konnten, folgte auf Stockhausens „Mixtur“ nach einer „angemessenen Pause“, worauf Ulf Fiedler besonders hinweist, Beethovens Schicksalssinfonie, also eine so bekannte Komposition, dass man sie nicht weiter erläutern muss.

Das Blumenthaler Publikum

Für die Veranstalter des Musikfestes Bremen wird das Konzert des Dirigenten Peter Eötvös kein großer Erfolg gewesen sein, was allerdings kaum eine Überraschung war. Das dürfe zumindest für die finanzielle Seite zutreffen, wenn nur die Hälfte aller Plätze verkauft werden konnte.

Zwar gilt für Goethe nach der viel ziterten Erfahrung des Theaterdirektors im Faust "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus." wirklich nicht in jedem Fall zu gelten, vor allem dann nicht, wenn zwei so unterschiedliche Vorstellungen von Musik zusammengebracht werden. Experimentalmusik und Klassik haben eben ein unterschiedliches Publikum, das nicht unbedingt neugierig auf andere Klangangebote ist, sondern vor allem seine eigenen Vorlieben ohne Störungen erleben und genießen will. Das trifft zweifellos zumindest auf den Stockhausen-Teil zu, da in diesem Fall, wie in der BWK-Mitarbeiterzeitung Sir Charles erläutert wurde, "traditionelle Hörgewohnheiten über Bord geworfen werden" mussten (Sir Charles 30, S.2)

Aber das sprach nicht gegen die Wahl des umfunktionierten Konzertsaals in der BWK, wodurch das vom Dirigenten vertretene Konzept der Gegensätze und Kontraste von der Musik in ihren Präsentationsraum erweitert wurde. Für den Konzertfreund Fiedler hätte diese Wahl auch den Komponisten gefallen, der die "Erfassung des Konzertraums in das Geschehen der Musik thematisiert" hat. Hier sprach daher sogar trotz der unbesetzten Plätze vermutlich wegen seiner eigenen Erwartungen von einem "zahlreichen Publikum".

Die Zuhörer in Blumenthal haben jedenfalls wie der bekannte Blumenthaler Autor Ulf Fiedler "dem Neuen durch (ihren) Beifall Respekt und Anerkennung" erwiesen. Enthusiasmus und damit eine deutliche Empfehlung für weitere Konzerte an diesem Standort außerhalb der zentral gelegenen Musiktempel folgten allerdings erst auf den Beethoven-Teil: "Das Finale als Triumpfmarsch verströmte Helligkeit und sieghafte Freude. Ein ungetrübter Hörgenuß, dem lang anhaltender Beifall und mehrere Herausrufe folgten." (s.o)

Das Programm zum Nacherleben

Wer gern mit seinen eigenen Ohren erleben möchte, warum es damals bei einem Stockhausen-Konzert einen Skandal geben konnte und das Blumenthaler Publikum neue Hörgewohnheiten benötigte, kann das mithife eines youtube-Videos des Stückes "Mixtur" von Karlheinz Stockhausen machen und sich so über den zentralen musikalischen Aspekt des Konzerts vom Ensemble Modern in Fliegerhalle informieren.



Auf diesem neuen Weg kann er auch nach einer Pause, deren angemessene Länge er selbst bestimmen darf, den Kontrast zu Beethovens Schicksalssinfonie hören:


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US-amerikanische Jazz-Kompositionen aus einer Fliegerhalle

#5 von Reinhard , 13.02.2016 13:07

US-amerikanische Jazz-Kompositionen aus einer Fliegerhalle

Die begonnene kleine Konzerttradition in der BWK-Fliegerhalle, die die Gesellschaft für das Musikfest Bremen zur Verfügung stellte, wurde nach den beiden ersten Jahren unterbrochen. Aber darin zeigte sich kein kulturelles Desinteresse der Unternehmensleitung der Bremer Woll-Kämmerei; denn die BWK AG sponserte 1997 eine Oper im klassischen Bremer Konzerthaus Glocke auf der Domsheide, also ganz zentral im Herzen der Wesermetropole.

Publikumserfolg mit Klaus Maria Brandauer in der "Brücke

Dort beteiligte sich das Blumenthaler Unternehmen am 20. September "kurzentschlossen" an der Aufführung des dramatischen Gedichts in drei Abteilungen "Manfred". (Sir Charles, 35, S. 8) Bei dem Stück handelt es sich um sehr selten aufgeführtes Werk mit der Musik von Robert Schumann, der den ursprünglichen Text eines Gedichts des englischen Romantikers Lord Byron on 1336 auf 975 Verse verkürzte und es 1848 unter dem Namen "Manfred – dramatisches Gedicht mit Musik" vertonte.(op. 115).

Die Zuschauer erlebten an diesem Abend eine sensationelle Aufführung mit dem Weltstar Klaus Maria Brandauer, dem Balthasar-Neumann-Chor und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Die Künstler machten dies ungewöhnliche Konzert zu einem Ereignis, das selbst das zurückhaltende Bremer Publikum erstmals seit Bestehen des Musikfestes zu "standing ovations" hinriss.

Auch wenn Brandauer später den "Manfred" vorgetragen hat, kann man dieses erfolgreiche Erlebnis nicht mit Hilfe des Internets nacherleben. Aber es lässt sich vielleicht vorstellen, wenn man zwei unterschiedliche Videos bei youtube aufruft.

Dazu gehört einerseits eine Lesung des bekannte Schauspielers.



Andererseits sollte dieser sprachliche Beitrag zumindest durch die Ouvertüre von "Manfred" ergänzt werden, die man fälschlicherweise häufig allein als das Opus 115 ansieht.



Damit war für die Macher des Musikfestes die Aufführung in der Brücke ein großer Erfolg. Aber nicht nur für sie. Auch das Publikum war hellauf begeistert und sogar teilweise mit der positiven Schilderung im Feuilleton des Weser-Kuriers unzufrieden. So schrieb ein Zuhörer in einem Leserbrief als Kritik an den Kritikern: "Sie sollten die Begeisterung aus dem Glockensaal hinaus in die Stadt tragen, damit andere aufhorchen oder wachgerüttelt werden und sagen: "Da hab ich etwas verpaßt - und das in Bremen."

Weniger glücklich dürfte dieser Erfolg die Entscheidungsträger in der BWK gemacht haben; denn sie hatten ihr Unternehmen zwar als Sponsor an einer mehr als gelungenen Veranstaltung beteiligt, das die Lokalpresse jedoch in der Berichterstattung unerwähnt ließ.

Die BWK-Geburtstagsfeier für Gershwin

Im folgenden Jahr konnte man das Ziel, das jede Marketingabteilung verfolgt, wenn sie eine Veranstaltung sponsert, jedoch erreichen. Man begrüßte diesmal 2.000 begeisterte Gäste in der Fliegerhalle, wie die Werkszeitung hocherfreut schrieb (Sir Charles, 38 ,S. 7), denn entsprechend dem Programm mussten die Musikliebhaber keine Konfrontation mit den Tönen eines Herrn Stockhausen erwarten. Stattdessen waren bekannte Musiker und Stücke angekündgt, womit sich der Weg in den Bremer Norden zu lohnen schien.

In der Kurzfassung des Programms war das Deutsche Sinfonie Orchester Berlin mit einer "Gershwin Birthday Party" ausgewiesen, auf der tatsächlich gleich zwei Orchester für die notwendige Musik sorgten, und zwar neben den Sinfonikern auch die RIAS Big-Band. Zusätzlich lockten als Solisten die Sopranistin Roberta Alexander und die Pianistin Ewa Kupiec Kenner in die Fliegerhalle.

Ein 100. Geburtstag in einem noch älteren Unternehmen

Der gefeierte Jubilar George Gershwin hätte 1998 seinen hundertsten Geburtstag feiern können, wenn er nicht schon bereits als Vierzigjähriger verstorben wäre.

Dieser besondere Anlass für das Konzert konnte auch ein Anstoß für einen Rückblick auf die Geschichte der BWK sein, die im Geburtsjahr des US-amerikanischen Komponisten bereits fünfzehn Jahre alt war und in Gershwins Geburtsjahr 1898 schon eine üppige Dividende von 25 % auf das eingezahlte Grundkapital ausschütten konnte, dessen Wert sich gleichzeitig in diesem Zeitraum auf 300 % verdreifacht hatte. Von dieser vorteilhaften Entwicklung profitierten jedoch nicht nur die Eigentümer, sondern auch die Mitarbeiter und vor allem die sich entwickelnde Industriestadt Blumenthal. Immerhin wurden 1898 bereits 2.203 Mitarbeiter beschäftigt, nachdem man im Gründungsjahr 1883 mit 150 Beschäftigten begonnen hatte.

Wie zur Zeit des Konzerts der beiden Berliner Orchester lassen sich auch heute ganz reale Steine auf dem BWK-Gelände anfassen, die dort in Gershwins Geburtsjahr vermauert wurden, und damals gebaute denkmalgeschützte Gebäude besichtigen. Dabei handelt es sich um das Kessel- und das Maschinenhaus sowie die Nadelsetzerei an der Landrat-Christians-Straße, die später zu den Arkadenhäusern umgebaut wurden, sowie an der heutigen Historischen Achse die Kammzuglager und die kufmännische Verwaltung.

Gershwin und mehr für Gershwin

Was wurde nun dem Publikum auf dem BWK-Gelände musikalisch angeboten? Die offene Bezeichnung der Konzertveranstaltung ließ viel Platz für eine inhaltliche Konkretisierung. Das wurde von den beiden Dirigenten genutzt, die ein "dramaturgisch geschickt zusammengebasteltes Programm" (Weser-Kurier vom 7.9.1998) auf die Bühne der Fliegerhalle brachten. So begann das Konzert mit bekannten Kompositionen Gershwins wie "Ein Amerikaner in Paris" und "Rhapsody in Blue", also Verbindungen von Jazz und konzertante Sinfonik. Damit unterhielten die Musiker also zunächst die Partybesucher mit Kompositionen des verstorbenen amerikanischen Geburtstagskindes, das sie auf diese Weise gleichzeitig ehrten.

Die jazzigen Glückwünsche der Berliner Big Band

Mit der Musik und ihrer Interpretation kam für den Musikkritiker des Weser-Kuriers Amerika nach Blumenthal, wenn von "auf Hochglanz gewienerter Wolkenkratzer-Musik" geschrieben wurde, weil der Dirigent das Orchester zu "vibrierender Intensität" trieb. (Ebenda)

Die RIAS Big Band stellte anschließend den Jazz stärker in den Vordergrund und ""gratulierte" mit Pfiff und Emphase". (Ebenda)

Dabei stand auch in diesem zweiten Teil des Konzerts zunächst Gershwin im Vordergrund, und zwar mit seiner in den 1930-er Jahren entstandenen „American Folk Opera“ Porgy and Bess, wie sie von der New York Times genannt wurde. Auch wenn die durch Rohwollballen verbesserte Akustik der provisorischen BWK-Konzerthalle nicht gerade an den Baumwollanbau im Süden der USA hinwies, lernten die Zuhörer das Leben von Afroamerikanern in der Schwarzensiedlung Catfish Row in Charleston um 1870 kennen.

Dazu dienten die beiden bekanntesten und von zahlreichen Musikern aufgenomme Arien, und zwar "die Liebeserklärung der Bess für Porgy" "I loves you, Porgy" und Summertime", das in der Oper viermal zu hören ist und das leichte Leben während des Sommers auf die Bühne bringt, wenn man "am Fluss die Fische springen sieht und die Baumwolle reif ist".

Mit dem Stück "Knoxville Summer of 1915" musste das Publikum von den Kompositionen des geehrten Komponisten und zunächst auch von den Sinfonikern Abschied nehmen; denn die folgende RIAS Big Band spielte Stücke von Duke Ellington, Count Basie und Benny Goodman

Besonders eindrucksvoll wurde dabei das Stück "Take the “A” Train" vorgetragen, das als Symbol der Swing-Ära gilt. Diese Komposition Billy Strayhorns aus dem Jahre 1939, die das Duke Ellington Orchestra ab 1941 als Erkennungsmelodie verwendete, war in der Fliegerhalle kaum wiederzuerkennen, "denn die Arrangements waren der Band auf den Leibgeschneidet". (Ebenda)

Nach dreieinhalb Studen Musik endete die Geburtstagsparty für den großen US-amerikanischen Komponisten George Gershwin landestypisch; denn die beiden Orcheter spielten gemeinsam dirigiert den amerikanischen Militärmarsch "Stars and Stripes Forever, der den deutschen Titel "Unter dem Sternenbanner" trägt und 1896 von dem "König der Marschmusik" John Philip Sousa komponiert wurde.


Der BWK-Konzertsaal im Rückblick


Dieser emphatische Schluss sorgte beim Blumenthaler Publikum für eine "zum Jubel hochgepeitschte Huldigung". Damit waren auch für den Kritiker im Feuilleton des Weser-Kuriers die Anstrengungen und Mühen vergessen, die aus einer "auf dreieinhalb Stunden gedehntem" Konzertdauer und einer "akustisch nicht gerade idealen Woll-Kämmerei" resultierten. Am Ende hatten "der prächtige Sound, das in leuchtenden Farben pulsierende Zusammenspiel, die weiträumig gesteigerten rhythmischen Charakteristiken samt ihrer schneidenden Schärfe" gefesselt und "die Stimmung der Zuhörer immer wieder hochgerissen“.

Der Musikkritiker Simon Neubauer gelangte daher im Weser-Kurier zu dem Resümee: "Der weite Weg lohnte also die Teilnahme an dieser zwar recht langen, aber abwechslungsreichen Geburtstagsfeier".

Trotz kleinerer Deizite in der Akustik hatte sich damit die Fliegerhalle mit einem entsprechenden attraktiven Programm als multifunktionaler Konzertsaal empfohlen und damit für einen lokalen Kulturstandort Blumenthal geworben.


Die Geburtstagsmusik zum Nachhören

Wer nicht nur etwas über dieses kulturelle Ereignis lesen möchte, das 1998 für künstlerischen Glanz im Stadtteil gesorgt hat, kann die gespielte Musik - wenn auch mit anderen Interpreten - dank der Möglichkeiten des Internets und der Webseite youtube auch hören.

Begonnen wurde damals mit Gershwins bekannten Stücken "Ein Amerikaner in Paris"



und "Rhapsody in Blue".



Anschließend spielte das Deutsche Sinfonie-Orchester Berlin aus seiner Oper "Porgy and Bess" die Liebeserklärung "I loves you Porgy"



und "Summertime".



Bevor der Dirigentenstab an das zweite Orchester übergeben wurde, verabschiedeten sich die Sinfoniker mit "Knoxville, Summer 1915".




Es schlossen sich die musikalischen Beiträge der RIAS Big Band an, wozu die von Duke Elligton für sein Orchester verwendete Erkennungsmelodie "Take the A Train" gehörte.





Den mitreißenden Schluss arrangierten beide Orchester mit einem gemeinsamen Auftritt. Dabei spielten sie den Militärmarsch "Stars and Stripes Forever", der den deutschen Titel "Unter dem Sternenbanner" trägt und 1896 von dem "König der Marschmusik" John Philip Sousa komponiert wurde.



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Zusammengefasst und zugespitzt

#6 von Reinhard , 17.02.2016 13:32

Zusammengefasst und zugespitzt

Die vier hier angesprochenen Konzerte sind ein wichtiger Teil es kulturellen Lebens, das Blumenthal früher zu einem attraktiven Musikstandort auch außerhalb des Bremer Nordens gemacht hat. Daher kann jetzt ein guter Zeitpunkt für eine erste Zwischenbilanz sein. Eine solche Zusammenfassung versucht ein neuer Blog-Artikel unter dem Titel „Musik zwischen Rohwollballen. Konzerte in der BWK-Fliegerhalle“. Aber nicht nur das wird verucht. Daneben findet man einen kurzen Blick auf die Geschichte der Fliegerhalle, die Rahmenbedingungen der Konzerte und nicht zuletzt die aktuelle Diskussion um eine zukünftige Nutzung dieser Halle, in der früher 2.000 Musikfreunde ein abwechslungsreiches Programm genießen konnten.


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Das große Musikthema „Mozart versus Salieri“ in Farge

#7 von Reinhard , 22.02.2016 16:08

Das große Musikthema „Mozart versus Salieri“ im Ortsteil Farge

Im Jahr 2000 konnte sich der Stadtteil Blumenthal als herausgehobener Standort des 11. Musikfestes Bremen sehen, denn zu Beginn des neuen Jahrtausends dienten gleich zwei industriell genutzte Hallen als Konzertsäle. Hier folgte auf die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am 8. September in der BWK-Fliegerhalle drei Wochen später am 30. September ein "spannendes Duell zwischen Mozart und Salieri", wie es in der Ankündigung hieß. Spielort war dabei die gegenüber dem Rohwolllager deutlich kleine Werkstatt des Kraftwerkes Farge, wo etwa 300 Besucher Platz fanden, während es auf dem Werksgelände der Wollkämmerei immerhin ca. 2.000 waren.

Trotzdem war Blumenthal nicht nur mit zwei ganz besonderen Hallen beteiligt, sondern auch zahlenmäßig an den 23 Veranstaltungen des Bremer Musikfestes, für die 24.000 Karten verkauft wurden, signifikant vertreten.

Das Konzert im Farger Kaftwerk

Aber was wurde den Musikinteresierten unter dem Titel, der an einen Wettkampf zwischen zwei Sportlern oder Mannschaften denken lässt, in Farge geboten? Dort spielte damals das Bläserensemble "Nachtmusique" auf seinen kostbaren historischen Instrumenten bekannnte Stücke vor allem aus zwei Opern. Dieser Auswahl hatte man jedoch mit dem Titel Mozart versus Salieri eine spannende Ausrichtung gegeben, die sicherlich vor allem Zuhörer besonders ansprach, die sich in der Musikgeschichte zu Hause fühlen oder zu den Bewunderern des einstigen Wunderkindes Wolferl Mozart zählen.

Im Jahr 2000 gehörten Eric Hoeprich und Toni Salar-Verdu mit ihren Klarinetten und Bassethorn, Jane Gover und Javier Zafra mit einem Fagott sowie Teunis van der Zwart und Erwin Wieringa mit einem Naturhörnern zum Ensemble "Nachtmusique", also sechs Holz- und Blechbläsern, wie es an Adelshöfen des 18. Jahrhunderts in Mode war.

Ein Konzert mit kunsthistorischer Vorgeschichte

Einen ganz besonderen Reiz besaß das Konzert mit seinem im Titel herausgestellten Wettbewerb zwischen zwei Komponisten durch einen historischen Hintergrund, auch wenn dessen wirklicher Tatbestand nicht völlig aufgeklärt ist. Aber gerade darin kann ja sogar noch eine Steigerung des Interesses begründet sein. Wie dem auch sei.

Dieser Stoff ließ nicht nur Musikliebhaber kontrovers diskutieren, sondern regte auch mehrere Künstler verschiedener Genres zu eigenen Arbeiten an.

Ein ganz realer Konflikt zwischen zwei Musikern, von denen einer Weltruhm erlangt, während ein anderer, der früher teilweise angesehener war, heute fast vergessen ist, bietet der Kunst ein fast einzigartiges Material für diverse Bearbeitungen. Das gilt vor allem, weil es auch einen ganz realen Wettstreit zwischen den Musikern der den Höhepunkt eines Festes am 7. Februar 1786 in der Orangerie von Schloss Schönbrunn im Jahr gegeben hat.

Diese Chancen wurden in diesem Fall auch tatsächlich bis heute sehr intensiv genutzt. Das begann gleich nach Salieris Tod im Jahr 1825 mit Alexander Puschkins Drama "Mozart i Saljeri" von 1831 und später mit Nikolai Rimski-Korssakow Vertonung dieses Stoffs im Jahr 1898. Dabei wurde ungeprüft in dichterischer Freiheit Mozarts Behauptung übrnommen, Salieri habe seinen jüngeren Kollegen und Konkurrenten ermordet.

Diese negative Sicht auf Salieri setzte sich auch später in der Kunst fort, so in Peter Shafferss Bühnenstück und dessen Verfilmung "Amadeus" von Miloš Forman, wo Salieri als skrupelloser Ehrgeizling charakterisiert wird. Gerade durch den Film dürfte das heutige Bild der beiden Künstler in der Öffentlichkeit besonders nachhaltig geprägt sind. Danach wäre Salierei ein Intrigant und nur mittelmiger Komponist gewesen, wobei sich dank des Farger Wettbewerbs jeder Besucher zumidnest ein erstes eigenes Urteil bilden konnte.

Bei "Amadeus" handelt es sich um ein Filmdrama aus dem Jahr 1984 von Regisseur Miloš Forman, das das Leben Wolfgang Amadeus Mozarts aus der Sicht des Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri zum Thema hat. Der Film basiert auf dem erstmals 1979 aufgeführten Theaterstück Amadeus von Peter Shaffer, der auch das Drehbuch zum Film schrieb.



Der Konzertstandort "Kraftwerk Farge"

Wer nicht nur Musikliebhaber ist, sondern sich auch über das kulturelle Leben im Stadtteil Blumenthal vor gut einem Jahrzehnt informieren will, wird gerade bei dem Konzert in Farge auf eine sehr positive Resonaz stoßen. Das gilt sogar für die heikle Frage der Akustik, die sich in einigen zu Konzertsälen umfunktionierten Industriehallen als ein gravierendes Problem herausstellte, das einem wirklichen Musikgenuss im Wege stand.

Dagegen hörte und las man in Farge sowohl vom Leiter des Kraftwerkes, der für die Teilnahme am Musikfest Bremen verantwortlich war, als auch von den Kunstkritikern im Feuilletonteil des Weser-Kuriers nur lobende, ja fast überschwängliche Worte. Danach sah der Leiter Roland Schaf des Kraftwerks, das damals zur PreußenElektra, einer Mutter des heutigen Versorgers e.on gehörte, im Ende des Musikfestes Bremen 2000, das in seinem Unternehmen erfolgte, "einen launige Grund", "gleich von der "Last Night of the Proms" in Farge zu sprechen. Für ihn konnte sogar der nüchterne, aber akustisch sehr günstige Werksraum seines Kraftwerks mit der Londoner Royal Festival Hall konkurreren. (Weser-Kurier vom 2.10.2000)

Zu nicht ganz so spektakulären Vergleichen gelangte die Rezension im Weser-Kurier, wo ganz sachlich festgestellt wurde, dass die Musiker keine Probleme mit der für sie ungewohnten Konzertumgebung hatten und "die Akustik kaum zu wünchen übrig" ließ. So spendeten die rund 300 Zuhörer nach dem Konzert auch "reichlich Applaus."

Das war für den Leiter des Kraftwerks ein Grund, "über eine Wiederholung des musikalischen Großereignisses im Kraftwerk nachzudenken." Für ihn hatten sich daher die Investionen in dieses Kulturprojekt offensichtlich gelohnt, auch wenn es sich nicht ganz kurzfristig realisieren ließ. So hatten die Geschäftsführer bereits zwei Jahre vor dem tatsächlichen Konzertbeginn erstmals mit dem Intendanten des Musikfestes, Thomas Albert, über ein Konzert in Farge verhandelt und in der Woche vor dem "Nachtmusique"-Auftritt mussten aus der Werkstatt Maschinen und Gerät entfernt werden. (Norddeutsche vom 3.10.2000).

Aber alles das hatte sich für das Management und sicherlich auch die Besucher gelohnt, um ein bisschen London und viel gute Musik nach Farge zu holen.

Die Musik zum Nachhören

Das damalige Programm lässt sich wie auch die Konzerte in der BWK-Fliegerhalle dank youtube nacherleben, auch wenn die Musik nicht von dem Ensemble "Nachtmusique" gespielt wird. In der Werkstatt des Kraftwerkes konnten die Besucher zunächst Stücke aus Mozarts Oper "Hochzeit des Figaro" hören. Das begann mit der Ouvertüre::



Der schloss sich die Herausforderung "Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen" des Titelhelden an den Grafen Almaviva an:



Als weitere bekannte Arie folgte die des liebeskranken jungen Pagen Cherubinos "Voi Che Sapete" (Ihr, die wisst, was Liebe ist):

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Als letztes Stück aus "Figaros Hochzeit" spielte das Ensemble die Titus-Ouvertüre:



Wer die Oper insgesamt hören möchte und die dafür erfordlichen gut drei Stunden Zeit hat, kann das z.B. hier machen:



Ergänzend zu den Auszügen aus der Oper spielte das Ensemble Nachtmusique noch einige "Häppchen" aus anderen Werken Mozarts. Das begann mit den Zwölf Duos für Klarinetten und (K.487):



dem Andante aus der Sonate für Bass und Violonchello (K.292), d.h. aus zwei Werken, die der Kritker im Weser-Kurier als "Gelegenheitsarbeiten Mozarts" einstufte.



Das gilt jedoch nicht für das Kanonische Adagio für zwei Bassetthörner und Fagott (K. 410), das zu Mozarts Freimaurermusiken zählt:



Zum Schluss des "Wettbewerbsbeitrages" von Mozart stand dessen beliebte Serenade Es-Dur (K 375):



Dem schloss sich als "Konkurrentin" die Oper "Tarare" von Salieri an:



Um sich ein Bild vom Ensemble "Nachtmusique" mit seinen Instrumenten zu machen, kann ein youtube-Video des teilweise vergeichbaren Adrian Ensembles helfen:


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zuletzt bearbeitet 22.02.2016 | Top

Kubanischer Jazz an der Farger Fähre

#8 von Reinhard , 08.03.2016 16:35

Kubanischer Jazz an der Farger Fähre


Auch 2001 konnte Blumenthal als musikinteressierter Stadtteil auf sich aufmerksam machen; denn im Rahmen des 12. Musikfestes Bremen präsentierte das Kraftwerk Farge einen ganz speziellen Leckerbissen. Anfang September trat dort damals die Paquito d'Rivera Group auf, wobei der Bandleader durch einen Pianisten, einen Gitaristen, einen Schlagzeuger und einen Bassisten unterstützt wurde.


Lateinamerika zu Gast in Blumenthal


Damit kamen Musiker ins Krafwerk Farge, die in Amerika bereits sehr bekannt waren. Der 1948 in der kubanischen Hauptstadt Havanna geborene Saxophonist und Klarinettist galt bereits als musikalisches Wunderkind, nachdem er im Alter von zehn einen von Publikum und Kritik gelobten Auftritt im Nationaltheater von Havanna hatte. Während einer Spanien-Tournee beantragte er 1981 Asyl in der amerikanischen Botschaft und hatte anschließend nach seiner Ankunft in den USA zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten als Solist, da ihn bekannte Musiker dort unterstützten.
Später gründete der exilkubanische Musiker eine Reihe eigener Bands wie die Paquito D’Rivera Big Band, das Paquito D’Rivera Quintet, das Kammermusikensemble Triangulo und die Calypso- und Salsa-Band Caribbean Jazz Project.

Der musikalische Kampf mit der Akustik

Für Abrecht-Joachim Bahr und André Hensel, der damals in der Norddeutschen und im Weser-Kurier über das Konzert in Farge berichtet haben, musste der weltgewandte Künstler aus der Neuen Welt in Farge "gegen widrige Verhältnisse bestehen“. Aber das gelang jedoch offenbar, auch wenn "kurz und bündig, die Akustik im Kraftwerk Farge .. eine Katastrophe" war. Aber die Musiker schafften ein" Wunder", indem es ihnen gelang, ein "Desaster" zu vermeiden und mit der Veranstaltung "vielmehr alle Qualitäten eines Highlight zu entwickeln".

So konnte und musste der Kritiker Bahr zusammenfassend feststellen, dass "Aufmerksamkeit und Verständnis der Gäste, gepaart mit einer zum Ende hin überbordenden Spiellaune der Band", es waren, "die den Kritiker letzthin veranlassen, für das Konzert in Farge den Daumen nach oben zu strecken."
.
Schließlich stand - "Volkshausakustik hin, 45 Mark für den Sitzplatz her" - "ein Weltklassemann" auf der Bühne, "der schließlich nicht jeden Tag in Bremen vorbeischaut."

Dennoch konnten diese Abwägungen offenbar Herrn Bahr nicht ganz überzeugen, da er noch zwei Argumente für ein positives Gesamturteil ins Feld führte, mit deren Hilfe kaum jemand über die Qualität eines Jazzkonzerts entscheidet. Aber immerhin wird man dadurch noch heute an die guten Rahmenbedingungen erinnert, die am Sonnabend, dem 2. September 2001, positiv gesehen werden konnten. Das waren eine "in das Licht tropischer Abendstimmung getauchte" Halle und Ordungspersonal, das "jederzeit höflich, hilfsbereit und zuvorkommend" war.

Empfehlung ohne feuilletonistische Kunstkritik

Man muss jedoch nicht unbedingt derartige Nebensächlichkeiten zusammensuchen, um zu einem offenbar gewünschten positiven Urteil eines Jazzkonzerts zu gelangen. Das meinte damals zumindest eine Besucherin in einem Leserbrief: "Lassen Sie beim nächsten Kraftwerkbesuch Ihren Smoking und die dementsprechend hohen Erwartungen zuhause und Sie werden sehen, wie außergewöhnlich begeisternd so ein Konzert in der Werkstatt eines Stromversorgungsunternehmens sein kann".

Dann wird man in einem solchen Konzert vor der Haustür kaum nur eine Gelegenheit sehen und nutzen, "Freunde zu treffen", wie es André Hensel recht bissig angemerkt hat.

Farger Jazz-Konzert zum Nacherleben

MusikaIisch gesehen, wurde für Andrè Hensel ein "vielfältiges und abwechslungsreiches Programm" im Kraftwerk angeboen, "das eine breite Palette karibischer und lateinamerikanischer Rhythmen von Bossa über Salsa bis zu Piazollas "Libertango" mit klassischem Bob-Jazz und auch jazzrockigen Motiven" verkreuzte.

Einen akustischen und auch visuelle Eindruck von der Musikveranstaltung im Jahr 2001 können weiterhin einige youtube-Videos vermitteln. Dazu zählen ein Konzert der Paquito d'Rivera Group von der Jazzwoche Burghausen aus dem Jahr 1994:



und viel aktueller aus dem Jahr 2011:



Daneben spielte die Gruppe damals sehr bekannte Stücke wie "A Night in Tunisia"



und den Libertango, der als der "erotisch hemmungslosester aller Tangos aus der Feder von Piazzolla" gesehen wird, dessen "Ursprung der Duft der Stadt Buenos Aires sein soll, :

Dabei kann man sich entweder mehr auf die Musik ...



oder ihre erotische Ausstrahlung konzentrieren


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zuletzt bearbeitet 08.03.2016 | Top

Weiterhin internationaler Jazz aus Farge

#9 von Reinhard , 19.03.2016 18:16

Weiterhin internationaler Jazz aus Farge


Offenbar waren die Ohren der zahlreichen anderen Besucher und die der Verantwortlichen durch die Akustik im Kraftwerk Farge weniger geschädigt worden als die des journalistischen Kulturkritikers. Jedenfalls gab es auch in den beiden Folgejahren Konzerte in dem industriell geprägten provisorischen Konzertsaal an der Fähre nach Berne.

An einem Mittwoch Anfang September 2002 trat so im Rahmen des 13. Musikfestes der finnische Saxophonist Jukka Perko mit seinem Scandinavigation Sextett auf und im folgenden Jahr gab es mit Wolfgang Muthspiel und seiner Gruppe Triology einen weiteren Musikleckerbissen.

Dabei konnten die Bremer Jazzliebhaber neben dem Angebot im Farger Kraftwerk am 4. September drei Wochen später noch das New Yorker Ensemble Absolute unter der Leitung von Kristjan Järvi sowie den unkonventionellen „Habanera“ und der „Cuban Night“ erneut Paquito D’Ribera & Friends zu hören, der ja im Jahr zuvor in Farge gastiert hatte.

Unter dem Titel "Warm Gulfstream Jazz" spielten damals in Farge neben dem Saxophonisten Jukka Perko, dem Vibraphonisten Severi Pyysalo, dem Vibraphonisten Severi Pyysalo und dem Schlagzeuger Teppo Mäkynen, die auch als Quartett auftraten, der schwedische Trompeter Peteer Asplund, der norwegische Saxophonist Tore Bronborg und der dänische Kontrabassist Jesper Bodilsen.

Jukka Perkos Karriere

Der finnische Bandleader Jukka Perko wurde 1968 geboren und als Jazzsaxophonist zuerst durch seine Teilnahme am Pori Jazz Festival im Jahr 1986 bekannt. Noch keine zwanzig begann bereits seine internationale Laufbahn, als ihn Dizzy Gillespie ein Jahr später in seine Bigband holte, mit der er in den folgenden zwei Jahren durch die USA und Europa tourte. Während seines gleichzeitigen Studiuman der Sibelius-Akademie. Dort lernte er den Vibraphonisten Severi Pyysalo kennen, mit dem er seither regelmäßig zusammenarbeitete. So standen beide auch gemeinsam in Farge auf der provisorichen Bühne. In den Folgejahren leitete Perko verschiedene Formationen, so u. a. das Trio Perko-Pyysalo-Viinikainen.

Jukka Perko ist jedoch nicht nur ein international beaknnter Jazzmusiker, sondern hat auch als Interpret klassischer Musik mit Orchestern wie dem Philharmonieorchester von Helsinki und dem Avanti-Kammerorchester zusammengearbeitet

Musikalische Erinnerungen an Perko und das "Scandinavigation Sextett"



Im Jahr seines Auftritts in Farge kamen die Platten "Kaanaamaa" und gemeinsam mit Severi Pyysalo und Teemu Viinikainen "Kuunnelmia" auf den Markt.

Jukka Perkos erstes Stück auf dieser Schalllatte mit dem Titel "Suojelusenkeli (Maan korvessa kulkevi lapsosen tie) kann man als youtube-Video nacherleben.



Die weiteren Musiker auf der Platte "Kuunnelmia" kann man in weiteren Videos sehen und hören. So den Vibraphonisten Severi Pyysalo:



und den Gitaristen Teemu Viinikainen:




"Grenzgänger" an der nördlichen Grenze Bremens


2003 war das Kraftwerk Fage eneut Veranstaltungsort des Musikfestes Bremen, das bereits zum 14. Mal stattfand. Mitte Setemer wurden laut Programm "Grenzgänge zwischen Klassik, Moderne, Jazz, Pop und Weltmusik" hergesellt, und zwar durch die Gruppe "Triology" mit ihrem Gitaristen Wolfgang Muthspiel. Den musikalischen Schwerpunkt des Abends bildeten die 14 Stücke des im gleichen Jahr erschienen Albums "That's all Daisy needs"


Von der Dreier- zur Vierergruppe

We schon der Name besagt, handelte es sich bei Triology um ein international besetztes Streichtrio, das aus den beiden Violinisten Daisy Jopling und Aleksey Igudesman sowie dem Cellisten Tristan Schulze bestnd. Diese drei Musiker wohnten zufällig im selben Haus in Wien, wdruch sie sich keennelenten und seit 1995 die gemensame Musikergruppe bildeten . Zu ihrem wichtigsten Programmteilen gehörten sowohl Interpretationen der Filmmusik von Ennio Morricone als auch Tangos von Astor Piazzolla.

Auch von diesem Musikertrio findet man ein Video bei youtube:



Ein Farge wurdee Trioloy noch durch den Gitarristen und Komponisten Wolfgang Muthspiel ergänzt, der gerade mtTriology die CD "That's All Daisy Needs" produziert hatte.

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Es passte! Endzeitstimmung in einem einmaligen Relikt der NS-Willkür

#10 von Reinhard , 20.03.2016 17:59

Es passte! Endzeitstimmung in einem einmaligen Relikt der NS-Willkür

"Das größte Theaterereignis in Norddeutschland seit einiger Zeit". Mit diesem Superlativ kennzeichnete die Nordwest-Zetung einen wichtigen Bestandteil der Bremer Kulturlandschaft, der in Blumenthal odr genauer in Rekum stattfand. Allerdings liegt die angesprochene mehrjähigre Reihe von Aufführungen des Dramas "Die letzen Tage der Menschheit" von Karl Kraus inzwischen schon enge Jahre zurück. Damals konnten die Bremer Theaterleute nach der Premiere am 29. Mai 1999 Mitte 2003 die 100. Vorstellung feiern. Mit der abschließednen 130. Aufführung konnte man 2005 auf insgesamt 40.000 Zuschauer in sieben Spielzeiten zurückblicken. Damit waren "Die letzten Tage der Menschheit" das erfolgreichste Stück in der Intendanz von Klaus Pierwoß und wahrscheinlich sogar das erfolgreichste in der Geschichte des Bremer Theaters, auch wenn dieser hervorragende Rang nur in einer wenig zuverlässigen Statistik ausgewiesen wird.

Die herausgestellte Bedeutung war damals auch in künstersche Hinscht kein Anzeichen für den Lokalpatriotismus der Zeitung; denn die nationale Presse, die nicht im Nordwesten beheimatet ist und auf ihre Feuilletonseiten stolz sein kann, würdigte die Aufführungen eines schwierigen Stückes in einer einmaligen räumlichen Umgebung. So unter der Überschrift "Zeter. Mordio" in der "Zeit"
und sogar in der deutschen Kulturprovinz wurden die "Sonntagsnachrichten" aus der Stadt Herne im Ruhrgebiet wurde auf dieses "Ereignis" aufmerksam, "daß in die Theatergeschichte weit über die Landesgrenzen der Hansestadt hinaus eingehen wird".

Karl Kraus und seine ungewöhnliche Anti-Kriegs-Tragödie

Für viele seiner Wiener Mitbürger galt Karl Kraus in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen als Erzsatiriker und Erzmoralist, da er mit seinen scharfzüngigen Aphorismen die Schwächen der Politiker, der "Journaille", wie er die Jounalisten nannte, der ersten Wiener Pschoanaytker wie Sigmund Freud und sogar der Damenwelt mit wenigen Worten und viel Hintersinn pointierte.

Kraus war 1874 in Böhmen geboren und studierte und lebte später in Wien, was in der damaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn mit dem raschen Wachstum ihrer Metropole und Vielvölkerstadt Wien nicht ungewöhnlich war. Besonders bekannt wurde er nicht nur als Dichter, sondern auch durch seine Sprach- und Kulturkritik, wie man sie vor allem in der von ihm 1899 gegründeten Zeitschrift "Die Fackel" findet.

Seine "Letzten Tage der Menschheit", die der Autor als „Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog“ klassifizierte, ist in den Jahren 1915–1922 als unmittelbare Reaktion auf die Gräuel des Ersten Weltkrieges entstanden. Dabei hat Karl Kraus eine Vielzahl von Einzelberichten und Zitaten zu über 220 nur lose zusammenhängenden Szenen und 500 Figuren verdichtet. Das ist ein Versuch, um neben der Unmenschlichkeit auch die Absurdität und logische Inkonsquenz von Kriegen auf eine Bühne zu bringen.

Allerdings sah der Autor selbst die Schwierigkeiten einer Realsierung seiner , denn es wollte es in einem künftigen "Marstheater" gespielt sehen, vielleicht um darauf hinzuweisen, dass Krieg nicht auf der Bühne eines nomalen Theaters gespielt werden kann.

Daher muss es nicht überraschen, dass das gesamte Stück bisher noch nich aufgeführt wurde. Die Regisseure haben sich bisher auf Auszüge konzentriet, die ohnehin noch an die zeitlichen Grenzen einer Aufführung stoßen, die ihre Besucher nicht völlig überfordern will.

Die Bremer Inszenierung durch Johann Kresnik

Die künstlerische Verantwortung für die erfolgreichen Aufführungen in Bremen und damit auch die Wahl des Bunker Valnins sowie der Inszenierung der literarischen Vorlage von Karl Krauss lag bei Johann Kresnik,
der bereits als knapp Dreißigjährige ein Engangement als Ballettdirektor an das Bremer Theater erhalten hatte, wo er sich mit Themen wie Imperialismus, Kriegshetze und Tagespolitik künstlerisch auseinandersetzte.

In Bremen konzentriete er sich bei dr Inszenierung des "Untergang der Menschheit" auf 39 Szenen, die er entsprechend seiner ausgewählten Räumlichkeit vom Ersten auf den Zweiten Welkrieg übertrug und auf die gesamte Schreckenherrschaft des Nationalsozialismus ausweitete. So transportierte er das Entsetzen, das Karl Kraus über die entfesselte Barbarei des Ersten Weltkriegs empfunden hatte, in eine "Topografie des Terrors aus dem Zweiten Weltkrieg".

Dazu sollten in dem "Prozessionstheater" "große Bildwelten" dienen, um "ein Zeichen gegen den Krieg im Allgemeinen – und als Erinnerung an die Schrecken des Nazi-Terrors, dem allein .. in der Bunkerwerft 4000 Zwangsarbeiter zum Opfer fielen". Daher war während der Aufführungen auch KZ-Bekleidung allgegenwärtig.

Ergänzend entdeckten einige Kritiker auch Bezüge zu damals wütenden Kriegen und "ethnischen Säuberungen" im früheren Jugoslawien.

Positiv an Kresniks Bearbeitung wurden die herausgestellte schleichende Veränderung der Menschen vor dem Hintergrund eines Krieges, eines autoritären Regimes und einer ideologisch grundierten kriminellen Vereinigung an den Hebeln staatlicher Macht.

Auch wenn sich wegen der Aktutik die Schauspieler "die Seele aus dem Leib brüllen musste", fanden sogar die härtetsten Kritiker für Wahl des Bunkersr Valentin als Ort für de letzten Tage der Menschheit überzeugend. Das beispieslweise die viel itieerte Bewerunt in der FAZ:

„Das ist ungemein effektvoll, das ist großartig – das ist ein pazifistisches Stahlgewitter“ jubelt Dirk Schümer. Der Bunker Valentin scheint für dies Wikung einfach ideal zu sein. "Die Authentizität des optisch, akustisch und auch olfaktorisch, kurz: mit allen Sinnen erlebbaren Ortes spielt dabei eine konstituierende Rolle."

Das Bremen-Blumenthaler Kunstevent zwischen Sekt und Kriegsgräuel

Die Aufführung des Anti-Kriegs-Dramas war von den Bremer Theatemachern als Event mit einem Rahmenprogramm konzipiert. So konnten die Angehörien der 350-köpfigen Besuchergruppen den Abend bereits um 17.30 Uhr mit einer zwanzigminütigen Radtour zum „Anleger Tiefer“ an der Weser beginnen, also unweit des Theaters am Goetheplatz starten. Von dort schipperte in eine achtzig Minuten nach Farge, während man sich in einem Film über den Bunker informieren konnte oder eine andere Wahl treffen durfte.

Als Vorbereitung auf das Grauen einr untergenden mencheit durfte man sich auch bei Sekt und Krabbencocktails auf dem Oberdeck an prächtigen Uferpanoramen erfreuen: an verfallende Industrieanlagen und einm im Abendlicht dampfenden Riesenklärwerk.

Vom Anlger in Farge konnten die Theaterbesucher mit Omnibussen in weiteren zehn Minuten zum U-Boot-Bunker Valentin gefahren. Dort wartete dann gleich eine Innentemperatur auf sie, die auch im Hochsommer kaum über Kühlschrankniveau steigt und gegen die man sich durch angebotene Wolldecken schützen konnte.

Nach der Vorstellung, die zwei Stunden und 15 Minuten dauerte, kehrte das Schiff gegen Mitternacht zum „Anleger Tiefer“ zurück.

Man musste also mit einer Eventdauer von sieben Stunden rechnen, die sich sogar für die hartnäckigsten Kunstkritiker gelohnt haben, da sich ihre spitzen Bemekungen nicht auf die Gesamtwirkung der Vorstellungen in der einmaligen Umgebung des Bunkers Valentin bezogen haben, sondern auf Details der szenischen Umsetzung des Geamtkonzepts.


Das Werk und seine Wirkung im Bunker Valentin

"Es wird gebrüllt und geballert wie verrückt, Marschlieder werden gegröhlt, Trompetensignale geschmettert; ein Panzer reckt sein Rohr phallisch ins Geschehen, Zivilisten werden zum Massaker an die Wand gestellt, Funkenregen stiebt, die Feuerwerker sind mordsmäßig am Zündeln, ständig geht irgendetwas in Flammen auf. Sogar das Lagertor, durch das wir des Öfteren getrieben werden, ist als Flammentor illuminiert. Und doch wirkt alles Zeter und Mordio eigentümlich wesenlos, böse verzwergt durch diesen Raum, der einfach nur dräut und tropft und eine grausige Geschichte hat."

So schildert ein Kritiker seine Eindrücke während einer Bunker-Aufführung, um daraus zu folgern: "Seine historischen Analogien sind nicht nur unstimmig, sie gehen auch im Stimmengewirr unter. Das hat mit seinem Nachhall der Bunker Valentin getan."

So kritisch kann man vielleicht in Details sein. Für den Besucher dürfte hingegen, wie der langjährige Erfolg in Bremen bestätig, eher folgende Beurteilung sein:
,
"Man sitzt nicht, sondern geht (folgt) den Schauspielern von einem Ort zum anderen. Ein Erlebnis ohne Gleichen… Ich wurde sofort von der Atmosphäre der Aufführung gefangen und fühlte mich wie ein Teil davon, was nicht zuletzt auch von der Wirkung der Theaterbühne herführt."


Karl Kraus und "Die letzten Tage der Menschheit" gesehen und gehört

Wer den Text gern lesen, aber nicht kaufen möchte, kann sich hier seinen Wunsch erfüllen.

Eine kurze Einführung in die Tragödie bietet ein Sendung des Bayerischen Rundfunks, die als Video in der Reihe "Klassiker der Weltliteratur" bei youtube angeboten wird:



Für Interessierte, die Karl Kraus näher kennenlernen wollen, stehen sogar Originalaufnahmen aus seinem Leben zur Verfügung, sodass man ihn selbst in einem Tonfilm von 1934 nach all den Jahren noch sehen und hören kann:



Wer den Text der Tragödie nicht selbst lesen möchte, kann ihn sich mit dem Wiener Akzent von Helmut Qualtinger in insgesamt zehn weiteren youtube-Videos vorlesen lassen:




Schließch können Ausschnitte aus einer Vorführung des Staatsschauspiels Dresden zeigen, wie man sich konkret die Veranstaltung im Bunker Valentin vorstellen muss, auch wenn die Umgebungen natürlich nicht vergleichbar sind. In beiden Fällen mussten die Besucher jedoch von Szene zu Szene wandern.


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zuletzt bearbeitet 20.03.2016 | Top

Für einen Neustart mit Kultur!

#11 von Reinhard , 20.03.2016 20:52

Für einen Neustart mit Kultur!

Mit der Wahl im letzten Mai sind in Blumenthal zahlreiche neue Mitglieder in den Beirat und die Ausschüsse gekommen. Dasselbe gilt ebenfalls für die Sprecherin und ihren Stellvertreter, die eine neue Politik für Blumenthal angekündigt haben.

Wenn man an die Beispiele des kulturellen Lebens in Blumenthal denkt, die hier geschildert wurden und vermutlich keine vollständge Liste ergeben, kann für diesen Neubeginn auch das kulturelle Leben eine wichtige Rolle spielen. Das gilt sowohl für die Blumnthalerinnn und Blumenhaler selbst, die wie die Bewohner von zahlreichen anderen Orten gern Veranstaltungen in ihrer Nähe besuchen wlen, damit sie sich anschließend noch ohne Alkoholängste unbeschwert mit Freunden und Bekannten treffen können, als auch für mögliche Neubürger.

Auch lässt sich auf diese Weise das Image des Stadtteils verbessern, das wiederum für mehr Einwohnerzufriedenheit und sogar Arbeitsplätze sorgen kann. Wer möchte schließlich dort wohnen oder Arbeitsplätze schaffen, wo man nur etwas über eine sich hinziehende Tanklager-Kontamination, ein Zentrum ohne Aufenthaltsqualität und eine Industriebrache BWK-Gelände hören, lesen und sehen muss, auf dem sich bereits an der zunächst als "Perle der Industriekultur" herausgeputzten "Historischen Achse" Zeichen von Vadalismus zeigen?

Jedes positive Image muss durch richtige Weichenstellungen erarbeitet werden. Dazu können kulturelle Angebote einen wichtigen Beitrag leisten, wie das rege Interesse in anderen Teilen Bremens und Deutschlands und auch bei "Rock die Burg" belegt.

Man kann sich daher an das kulturelle Leben früherer Jahrzehnte in Blumenthal erinnern, wie das hier versucht wurde, um dann zu prüfen, was heute im Rahmen eines Neubeginns aufgrunnd der finanziellen, infrastrukturellen und vor allem personellen Ressourcen möglich ist.

Die Veranstaltungen in der Fliegerhalle des BWK und im Kraftwerk Farge wurden im Rahmen des Musikfestes Bremen gesponsert. Ähnliches galt für die sogar national sehr gefeierten Aufführungen der "Letzten Tage der Menschheit" in der einmaligen Atmosphäre des Bunkers Valentin.

Diese Veranstaltungen haben sich nicht selbst getragen, da sehr auf Künstler gesetzt wurde, die bereits einen großen Namen hatten und daher im Musikgeschäft nicht unbedingt zu einem Schnäppchenpreis zu bekommen sind. Kleinere Orte ohne einen großen Sponsor aus der Wrtschaft setzen daher weniger auf weltbekannte Orchester von der anderen Seite der Erdkugel als auf kleinere Gruppen, wie man sie seit dem Beginn der Rock-Ära kennt. Sie finden relativ leicht ein Publikum, ohne dass man mit Experimenten in teilweise leeren Konzertsälen rechnen muss, wie das bei Stockhausen in der BWK sicherlich nicht ganz unerwartet eingetreten ist.

Aber neben der Musik gibt es auch noch weitere Formen der Kleinkunst, die auch auf ein lokales Publikumsinteresse stoßen, da man die Künstler einmal hautnah vor Ort erleben möchte. Beispiele können Veranstaltungen von Comedians sein, die man auch aus dem Fernsehen kennt, oder klassische Kunstausstellungen lokaler Künstler, wie sie früher auch ein Kunstkreis der BWK veranstaltet hat.

Schließlich sollte man den Bereich Kunst nicht zu eng abgrenzen und neben der Literatur auch zeitgeschtliche und populärwissenschaftliche Vorträge einbeziehen. Gerade auf diesem Gebiet weist Blumenthal dank seines ehemaligen Biliotheksleiters Gerhard Goecke eine ganz erstaunliche Erfolgsbilanz auf, da zu über 400 Veranstaltungen 50.000 Besucher kamen. Aber das liegt inzwischen schon einige Jahre zurück, denn bereits 1976 wurde der unermüdliche Organisator mit zahlreichen lobenden Worten in den Ruhestand verabschiedet.

Erst fast vier Jahrzehnte später hat der Förderverein Kämmereimuseum an diese Tradition angeknüpft und 2014 und 2015 mit Veranstaltungen über„Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus“ und "Frauen auf der BWK" durch Fotoausstellungen und Vorträge historische ud politische Themen behandelt, die bei zahlreichen Blumetnhalerinnen und Blumethlern auf Interesse gestoßen sind. Dafür spricht nicht zuletzt die breite Resonanz in der Lokalpresse.

Eine notwendige Voraissetzung für diese Beiträge zum kulturellen Leben des Stadtteils sind die Existenz des Fördervereins Kämmeimuseum, der entsprechend seiner Satzung ein BWK-Museum realsieren möchte, und der personelle Einsatz der Mitglieder, die auch Führungen über das BWK-Gelände anbieten. Damit wird vor allem auch in Ergänzung zum Audio-Guide eine Einführung in die Inustriearchitektur der denkmalgeschützten Gebäude an der "Historischen Achse" gegeben.

Aufrgund dieser Leisungen durch den Förderverein Kämmereimuseum besitzt Blumenthal damit einen Pfeiler, mit dem sich ein weitres kulturuelles Leben entwickeln lässt. Er sollte daher unterstützt und abgsichert werden, wenn seine Existenz durch das Verhalten der WFB gefährdet wird.

Hier scheinen die Bremer Wirtschaftsförderer nicht sehen zu können oder zu wollen, dass sich ein durch historische Architektur geprägtes Areal viel besser vermarkten lässt, wenn man ein funktionsfähiges Gebäude als Muster und Modell für die weitere Entwicklung vorführen kann. Das sollte in einem Gebiet, in dem Künstler und Architekten Ateliers und Büros finden sollen, vor allem ein Kulturzentum mit Räumen sein, die gemeinsam mit einem BWK-Museum genutzt werden.

Als Finanzierung bietet sich zunächst eine Zwischennutzung an, da das betroffene Sortiergebäude ohnehin leer steht und anschließend vielleicht eine Umlage auf eine Reihe von Nutzern, wie das auch in anderen Komunen geschieht, oder die Beteiligung von Stiftungen.

Wichtig dürfte jedoch vor allem sein, dass möglichst konkrete Entscheidungen in Blumenthal getroffen werden. Wie die aussehen können, thematisiert das folgende Posting.


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zuletzt bearbeitet 21.03.2016 | Top

Blumenthaler Chance

#12 von Reinhard , 21.03.2016 11:22

Blumenthaler Chance

Ein deuliches Votum von Kunstausschuss und Beirat kann dem Wunsch nach einem Kultur-Treff in Blumenthal sicherlich Nachdruck verleihen und ist daher eine nowendige Voraussetzung, um der Entwickung des Stadtteils weitere Impulse zu geben.

Nur liegen die Entscheidungen letzthin nicht in der Hand der Blumenthaler Politiker; denn die WFB ist Eigentümer und das Vorhaben steht nicht im fot-grünen Koalitionsvertrag.

Zudem hat sich in anderen Fällen gezeigt, dass die Entscheidungen des Beirats nicht immer mit der höchsten Priorität und Sorgfalt von der Bremr Verwaltung behandelt werden Ein Beispiel ist das Projekt "Essbares Blumenthal", zu dem die zuständige Behörde zunächst einen konkreten Vorschlag vorgelegt,hat, der den Intentionen der Initiatorin in keiner Weise entsprochen hat. Danach scchint das Projekt viel Ähnlichkeit mit dem Fliegenden Holländer bekommen zu haben, da man zuweilen noch etwas davon hört oder liest, aber nichts übr den tatsächlichen Bearbeitungsstand erfährt.

Es ist daher wichtig, dass die Blumenthaler Politiker zum Kultur-Treff und zum BWK-Museum klare Aufträge an die Blumenthaler Verwaltung geben, wie sie bei den senatorischen Behörden vorgehen soll, damit kein Leerlauf eintritt. Dabei können auch Terminvogaben von ca. einem oder zwei Monaten zweckmäßig sein, damit nicht alles auf die lange Bank geschoben und nach und nach vergessen wird.

Gerade gegenwärtig scheineen für dieen Vorstoß aus Blumenthal die Rahmenbedingungen günstig zu sein, da ein Bremen-Nord-Beauftragter seine Arbeit aufgenommen hat und nach einem Interview mit dem Bremer Bürgemeister im Weser-Kurier sogar an eine Änderung der Bebauung des BWK-Geländes gedacht ist. Hier können also Weichenstellungen möglich werden, die aus der BWK-Brache eine wirkliche Perle der Industiekultur entstehen lassen, die vielfältig genutzt wird und Blumenthal ein neues Image gibt, indem es sein historisches Erbe weiterentwickelt und modern nutzt.

Notwendig dürften dabei drei Teilaufgaben sein:

1. Zwischennutzung

Um eine möglcht gut abgesicherte Zwischennutzung für die provisorich vom Förderverein BWK-Museum genutzten Räume zu erhalten, sorgt das Ortsamt für ein gemeinsames Gespräch zwischen der Beiratssprecherin, dem OAL, einem Vertreter der WFB, dem Bremen-Nord-Beauftragten und dem Vorsitzenden des Fördervereins Kämmereimuseum, um im Rahmen einer geordneten Zwischennutzung die biehrige Arbeit des Vereins fortsetzen zu können und seine vorgesehene diesjährige Ausstellung weiter vorbereiten zu können. Dabei soll nicht zuletzt auf die Vorteile hingewiesen werden, die ein aktives BWK-Museum und der Start eines Kultur-Treffs für die Vemarktung der denkmalgeschützten Gebäude an der "Historischen Achse" haben dürfte.

2. Arbetsgruppe für den Kultur-Treff und eine Kulturimtiaive

Das Ortsamt erstellt ein Verzeichnis aller in Blumenhal lebenden Künstler und lädt sie gemeinsam mit allen anderen Kulturinteressierten zu einer Einführungsveranstaltung ein, in der über die Vorüberlegungen zu einem Kultur-Treff informiert wird. Wer sich anschließend bei diesem Projekt engagieren will, kann sich an einer Arbeitsgruppe beteiligen, die Vorschläge für den Kultur-Treff im Sortiergebäude enwickelt, oder einer Kulturinitiatitve, die sich mit der Planung und Organsation von ersten Veranstaltungen beschäftigt


3. Sondierung der Bedingungen für eine Blumenthaler Kulturstiftung

Um ein künftiges kulturelle Leben auf eine institutionelle und finanziell abgesicherte Grundlage zu stellen, bietet sich als eine Option die Gründung einer Blumenthaler Kulturstiftung an. Der OAL wird daher damit beauftragt, von der Bremer Bürgerstiftung, der Gräfin-Emma-Stiftung für den Bürgerpark und die Stiftung Bremer Rhododendronpark Anregungen und Erfahrungen einzuholen, um eine erste Entscheidungsgrundlage zu etstellen.

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RE: Blumenthaler Chance

#13 von Lola , 04.04.2016 08:06

http://www.weser-kurier.de/region/die-no...id,1347403.html

Zitat

Ortsamtsleiter Peter Nowack über neue Kulturprojekte für Blumenthal /Ausschusssitzung am Abend
„Jetzt passiert etwas“
04.04.2016 0 Kommentare

Herr Nowack, was steckt hinter der Idee, einem Stadtteil wie Blumenthal mehr Kultur zu bringen? Man denkt doch: Die Leute da haben ganz andere Sorgen.

Peter Nowack: Natürlich haben die Leute auch andere Sorgen. Aber wir wollen an den Rahmenbedingungen arbeiten. Und dazu gehört auch – wenn man den Stadtteil nach außen hin positiv darstellen will – dass sich die Menschen dort wohlfühlen. Dafür wollen wir hier kulturelles Leben anschieben. Und wir haben ja auch schon kulturelle Dinge: Wenn ich da an das Doku denke oder daran, was die Heimatvereine machen. Aber es geht uns auch darum, Player von außen zu holen und hier etwas zu machen, was man so noch nicht kennt.
.......
(Das komplette Interview kann man unter o.a. Link aufrufen)

Das Interview führte Volker Kölling.

Peter Nowack,
Blumenthals Ortsamtsleiter, möchte Kulturprojekte im Stadtteil anschieben. Thema ist das im Kulturausschuss am Montag, 4. April, in der Mensa des Stiftungsdorfes Rönnebeck, um 18.30 Uhr in der Dillener Straße 69.

Zitat Ende

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RE: Blumenthaler Chance

#14 von Lola , 06.04.2016 07:30

http://www.weser-kurier.de/region/die-no...id,1348533.html

Zitat
Drei neue Kulturprojekte im Stadtteil / Eintrittskarten gegen gemeinnützige Arbeit
Großes Theater in Blumenthal
DORIS FRIEDRICHS 06.04.2016 0 Kommentare

Das Bremer Theater geht in diesem Sommer außer Haus. Das erstmals durchgeführte Festival „Auswärtsspiel“ führt gleich in den Bremer Norden nach Blumenthal. Sechs Tage lang Anfang Juni sind verschiedene Veranstaltungen im Zentrum des Stadtteils unter der Regie des Bremer Theaters, zum Teil mit Beteiligung örtlicher Institutionen, geplant.
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„Wie wollen wir leben?“ lautet das Oberthema des Festivals, dessen Inhalte Dramaturgin und Festivalleiterin Nathalie Driemeyer vorstellte. Gastspiele des Ensembles werden gezeigt, aber auch Projekte mit Kooperationspartnern entwickelt. Angedacht ist, auch Menschen aus der Innenstadt für das „Auswärtsspiel“ zu begeistern und sie „noch einmal anders auf Blumenthal aufmerksam zu machen“, so Driemeyer. Per Zug ab Bremer Hauptbahnhof – und eventuell auch noch per Schiff – soll es für das Festival gen Norden gehen.
Zitat Ende

..wie schön, dass der Patient Blumenthal endlich "medizinische" Hilfe bekommt
Wetter wird auch gut, weil wir eigentlich immer schönes Wetter haben

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Was macht eigentlich Blumenthals OAL?

#15 von Reinhard , 14.04.2016 11:26

Was macht eigentlich Blumenthals OAL?

Auch wenn es in Bremen zumindest einen Stadtteil geben soll, in dem der Ortsamtsleiter (OAL) sein Amt relativ eigenwillig interpretiert, gibt es im Gesetz einige Vorgaben. Hierzu zählt der § 29 des Ortsbeirätegesetzes (OBG), nach dem die Ortsämter die Aufgabe haben, die bei ihnen wirkenden Beiräte bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen"

Das mag eine relativ offene Formulierung sein; sie sollte jedoch zumindest bedeuten, dass der OAL dabei hilft, die Anträge, die der Blumenthaler Beirat verabschiedet und die an Stellen des Bremer Senats gehen, formal korrekt und inhaltlich verständlich sind. Darauf wurde auch bisher gern geachtet, wenn es um die Abänderung von Bürgeranträgen ging.

Nur wie sieht es aus, wenn Anträge vom Kulturausschuss kommen, dessen Sitzung, der OAL selbst geleitet hat? Spielen dann deutliche Mängel keine Rolle, auch wenn sie nicht gerade ein gutes Licht auf den Informationstand des Ausschusses und damit das Gewicht werfen, dass Blumenthal diesem Antrag beimisst? Konkret geht es hier um die"Ergänzung des Beschlusses "BWK-Sortiergebäude sichern und entwickeln" des Kulturausschusses vom 4.4.2016, wie er auf der Seite des Ortsamtes veröffentlicht wurde.

Dabei hat man im ersten Teil dieser Ergänzung den Vornamen des Vorsitzenden des Fördervereins Kämmereimuseum Detlef Gorn falsch geschrieben, obwohl man ihn durch die Wahl großer Buchstaben für den Hausnamen sogar besonders herausgestellt hat.

Mag sich hierin möglicherweise nur eine gewisse Oberflächlichkeit ausdrücken, hat die Formulierung des zweiten Teils erheblich mehr inhaltliches und damit politisches Gewicht. Hier soll an eine "Zusage" von 2014 "erinnert" werden, "wonach die Gelder dafür zur Verfügung stehen", wobei sich das "dafür" wahrscheinlich auf eine "Wiedernutzung dieses Gebäudekomplexes" BWK-Sortiergebäude beziehen soll.

Nur sind die handelnden Personen, die diese Zusagen gemacht haben sollen, nicht mehr im Amt. Da wäre es sicherlich geboten, ihren Nachfolgern präzise mitzuteilen, was konkret gesagt wurde und möglichst gleich das Aktenzeichen zu nennen, unter dem die Zusage beim Ortsamt eingegangen ist.

Oder bezieht man sich vielleicht nur auf eine Art von politischem Wahlversprechen, das man für den Blumenthaler Hausgebrauch gut verwenden kann, das aber in der Finanzplanung Bremens und der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) keine Rolle spielt?

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"Das Theater Bremen macht Blumenthal zur Bühne"
Tag des offenen Denkmals

Burg Blomendal (Quelle: wikipedia)
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