Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

Bremer Flüchtlingspolitik

#1 von Reinhard , 17.08.2014 16:30

Wirklich nur ein Elefant im Porzellanladen?

In ihrem Kommentar „Senats-Elefant“ in der heutigen Ausgabe des Weser Reports beschäftigt sich Annette Kemp mit der Frage, ob demnächst Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht werden müssen. Dabei vergleicht sie „die nonverbale Vorgehensweise der Senats-Ressorts gegenüber den Sportlern mit dem berühmten Elefanten im Porzellanladen.

Das sieht auf den ersten Blick in der Tat so. Dem Senat scheint hier Fingerspitzengefühl zu fehlen. Allerdings zieht sich dieser Mangel durch die gesamte Diskussion der Unterbringung von Flüchtlingen in Bremen, die bereits seit Monaten andauert und auch hier im Forum mehrfach angesprochen wurde.

Vor allem die Sozialbehörde hat weiterhin keinen Plan vorgelegt, wie sich die Flüchtlinge in Bremen nach sinnvollen Kriterien unterbringen und verteilen lassen. Dazu hat man sehr viel Zeit gehabt, es aber offensichtlich nicht gewollt.

Statt dieser rationalen Lösung eines Problems bevorzugt die Behörde immer wieder punktuelle Vorstöße, in dem einmal hier und einmal dort ganz dringend Flüchtlinge untergebracht werden müssen.

Die Reaktionen sind dann so, wie man sie erwarten kann. Bei einem ausgewogenen Plan würde man zu einer sachlichen Erörterung gezwungen, während jetzt viele aufgebracht reagieren, weil sie die Vorschläge für mehr oder weniger willkürlich halten, zumal wenn es vorher keine Information der räumlich zuständigen Stellen gegeben hat. Es werden also mehr oder weniger emotional aufgeladene Konflikte provoziert, die bei diesem Thema eigentlich nicht sein sollten und es auch nicht müssten, wenn die Sozialbehörde einen anderen Weg eingeschlagen hätte.

Wenn man trotzdem nicht von dieser Vorgehensweise abrückt, wird es dafür Gründe geben, die sicher nicht in einem besonderen Verhältnis zu den Rüsseltieren zu suchen sind.

Offenbar möchte die Sozialbehörde eine politische Polarisierung, um im Vorfeld der Bürgerschaftswahl einige Parteien und Wählergruppen in einer rechten Ecke sehen zu können.

Geht es vielleicht weniger um eine gute Unterbringung von Flüchtlingen, sondern um eine politische Polarisierung, sodass sich die eigene Anhängerschaft leichter zum Gang an die Wahlurnen mobilisieren lässt?


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Alternativlos?

#2 von Reinhard , 04.09.2014 09:08

Alternativlos?

„Zur Aufnahme der Flüchtlinge besteht keine Alternative. Sie ist ebenso eine humanitäre Verpflichtung wie eine völkerrechtliche und grundgesetzliche...“

Dieser Aussage wird sicherlich niemand widersprechen wollen. Nur dürfte nicht jeder daraus den Schluss ziehen, den die Sozialsenatorin damit offenbar nahelegen will. Wenn Flüchtlinge untergebracht werden müssen, heißt das keineswegs, dass es so geschehen muss, wie es die Sozialbehörde 2013 und jetzt 2014 einer erstaunten Öffentlichkeit vorführt. Zu dieser Vorgehensweise gibt es jedenfalls durchaus Alternativen, die noch zudem erhebliche Vorzüge besitzen.

Das gilt nicht nur für die Entwicklung eines längerfristigen Plans, der durch eine ausgewogene Verteilung innerhalb des Stadtgebiets die bereits sozial benachteiligten Gebiete nicht zusätzlich stark belastet; denn das verstärkt nicht nur die soziale Segregation in Bremen, die der Senat nach einer erklärten Zielsetzung abbauen will, sondern kann auch zu ghettoähnlichen Konzentrationen einzelner Ethnien führen. Das Beispiel an der George-Albrecht-Straße, wo es jetzt schwer wird, alte Fehlentwicklungen rückgängig zu machen, ist hierfür ein sehr anschauliches Beispiel.

Etwas mehr Vorausschau und nachvollziehbare Begründungen durch die Sozialbehörde würden dem Thema seine Brisanz nehmen, die immer dann entsteht, wenn sich Bürger fragen, warum eine Aufnahme gerade in ihrem Quartier erfolgen soll, ohne dass sie eine nachvollziehbar Antwort erhalten.

Aber einen solchen Plan, aus dem sich eine Standortwahl ableiten lässt, hat die Sozialbehörde zumindest nicht veröffentlicht. Stattdessen hat man den Beiräten zunächst ohne Vorgespräche Standorte diktieren wollen, was dann im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 zu heftigen Kontroversen geführt hat, bei denen von Aktionen eines „rechten Mobs“ die Rede war.

Jetzt ein Jahr später, nachdem man offenbar das Unterbringungsproblem immer noch nicht gelöst hat, beginnt man wieder ganz von vorn und will von den Ortsbeiräten mögliche Unterkünfte genannt bekommen.

Das könnte innerhalb eines Flüchtlingsplans zweifellos eine sinnvolle Vorgehensweise sein. Nur gibt es den nicht und damit bleibt es Stückwerk, durch das die Sozialbehörde offenbar die Verantwortung von sich abwälzen will.

So hat die Sozialbehörde offenbar ihre Hausaufgaben nicht gemacht, d.h. weder einen Verteilungsplan erarbeitet noch genügend Unterkünfte angemietet oder gebaut, und will jetzt die Aufgabe an die Beiräte delegieren. So „fordert“ die Senatorin „alle Beiräte in Bremen auf: „Setzen Sie das Thema auf Ihre Tagesordnung und überlegen Sie, wo im eigenen Bereich noch Möglichkeiten bestehen, Flüchtlinge vorübergehend oder auch für längere Zeit aufzunehmen.“

Diese taktischen Spiele zulasten der Flüchtlinge sind kaum alternativlos. Nur fehlt offenbar der Sozialbehörde sowohl ein Konzept als auch das nötige Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Beiräten, wenn man zunächst durch Standortdiktate die Gesprächsatmosphäre belastet und ihnen jetzt die Tagesordnung ihrer Sitzungen vorschreiben will.


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Das Beispiel Borgfeld

#3 von Reinhard , 07.11.2014 18:50

Das Beispiel Borgfeld

Die Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, also von umF in der wenig menschlich klingenden Behördensprache, wird nicht nur im Norden Blumenthals diskutiert. Eine vergleichbare Kontroverse mit der Sozialsenatorin gibt es im Bremer Ortsteil Borgfeld im Osten der Stadt.

Dort sollen 40 umF in Wohncontainern auf einem Parkplatz neben dem Sportplatz des TSV Borgfeld untergebracht werden.

Von dieser Standortwahl war der TSV zunächst nicht begeistert und schickte einen Brief mit einem anderen Vorschlag an das Ortsamt mit der Bitte, diesen Hinweis an die zuständigen senatorischen Behörden weiterzuleiten. Als auch ein zweiter Brief direkt an die Senatorin „keine Wirkung gezeigt“ hat, „arrangierte“ sich der Verein mit dem Standort auf dem Parkplatz.

Diese resignative Reaktion gilt allerdings nicht für alle Einwohner des Ortsteils. Vor allem die Erfahrungen mit den jugendlichen Flüchtlingen während der letzten Wochen, über die Radio Bremen in „buten un binnen“ berichtet hat, ließen zahlreiche Einwohner die Unterbringung von Jugendlichen kritisch sehen, zumal in einem durch Familien geprägten suburbanen Raum wie Borgfeld eine Integration besonders schwer fallen dürfte. So wurde in einer Beiratssitzung deutlich, dass viele Borgfelder statt der Jugendlichen eine Unterbringung von Flüchtlingsfamilien bevorzugen.




Da die Sozialbehörde sich auf keine Diskussion über ein generelles Flüchtlingskonzept eingelassen hat, wurde eine öffentliche „Petition für eine professionelle Flüchtlingspolitik“ eingereicht, die inzwischen von 380 Mitzeichnern unterstützt wird.( L 18/417: Unterbringung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge in Wohncontainern)

In dieser Petition wird auf ein fehlendes Flüchtlingskonzept und eine problematische Standortwahl für die Unterbringung gerade von jugendlichen Flüchtlingen hingewiesen. Daher wollen die Petenten und die Mitzeichner im Petitionsausschuss eine „öffentliche Anhörung“ erreichen, die „vernünftig und besonnen“ ist.

Auch in Borgfeld richtet sich also wie in Farge und Rekum die Kritik nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern gegen die intransparenten und offensichtlich willkürlichen und inkompetenten Standortentscheidungen der Sozialbehörde.


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Worte und Taten

#4 von Reinhard , 28.03.2015 12:08

Worte und Taten


Die vermutlich wichtigste Information über die Flüchtlingspolitik einer Bundeslandes und damit die seiner Regierungsparteien liefert die Zahl der tatsächlich vorgenommenen Ausweisungen. Diese Daten zeigen, welche Bedeutung die zahlreichen politischen Erklärungen wirklich haben, wenn in Reden von einer harten Hand oder einer humanitären Einzelfallprüfung gesprochen wird.

Zahlen für einen Vergleich der Bundesländer liefert der Bundesinnenminister, der fast schon regelmäßig eine entsprechende Anfrage von Abgeordneten der Linken beantwortet. Das dauert allerdings einige Zeit, sodass bisher nur die Zahlen für 2013 vorliegen, während die für 2014 allerdings bereits angefragt sind.

Wenn man die Anteile der von den Bundesländern veranlassten Ausweisungen mit ihrem Flüchtlingsanteil entsprechend dem Königsteiner Schlüssel vergleicht, lässt sich feststellen, welches Bundesland vergleichsweise häufig und welches kaum oder gar nicht abschiebt.

Im Fall Bremen ist sie Situation auch aufgrund der älteren Daten so wie bei den aktuelleren für 2014, die von den Wutbürgern kürzlich beim Bremer Senat erfragt wurden. Auch 2013 stellte Bremen bei den Abschiebungen 11 Fälle und war damit an den Rückführungen insgesamt mit 0,1% beteiligt. Dieser Wert lag also noch deutlich unter dem einen Prozent, das nach dem Königsteiner Schlüssel zu erwarten gewesen wäre. Mit anderen Worten muss also ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling, wenn er es erst einmal mit der Verwaltung dieses kleinsten Bundeslandes zu tun hat, kaum noch mit einer Abschiebung rechnen.

Unterdurchschnittlich wenige Abschiebungen erfolgen ebenfalls in Baden-Württemberg (tatsächlich 10% gegenüber erwartbaren 13 %), Niedersachsen ( 6,5 % gegenüber 9 %) und Rheinland-Pfalz (2,6 % gegenüber 5 %.

Während diese ebenfalls von der SPD und den Grünen regierten Länder mit ihren niedrigen Werten nicht überraschen, gilt das nicht für ein weiteres. Auch der Freistaat Bayern weist mit einem Anteil von 13,3 % an den Abschiebungen einen Wert aus, der deutlich unterhalb von 15 % der Flüchtlinge liegt, die Bayern nach dem Königsteiner Schlüssel aufnimmt. Falls man also in Bayern tatsächlich nach der Regel „Wer lügt, der fliegt“ verfahren sollte, scheint es in Bayern besonders ehrliche Flüchtlinge zu geben.

Überdurchschnittlich viele Abschiebungen weisen hingegen NRW,
Sachsen, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern auf.

Außerhalb von Bremen zeigt sich damit ein recht komplexes Bild, denn nur im kleinsten Bundesland lässt sich eine spezielle Politik gegenüber geduldeten Flüchtlingen erkennen. Das gilt vor allem auch, da es sich bei den wenigen Abschiebungen fast ausschließlich um Dublin-Fälle, also Rückführungen in andere EU-Länder, oder um Kriminelle handeln soll.


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Die neue soziale Segregation Bremens

#5 von Reinhard , 13.01.2016 19:48

Die neue soziale Segregation Bremens

Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, in der Bremen den Abbau der Kluft zwischen reichen und armen Orts- und Stadtteilen angestrebt hat. Man wollte die sozialen Gegensätze zwischen bürgerlichen Wohnvierteln wie Oberneuland und Borgfeld und sozial benachteiligten Gebieten wie Gröpelingen, Tenever oder der Grohner Düne abbauen, um soziale Gegensätze in der Stadt abzubauen. Für diesen Zweck hat die Sozialbehörde sogar einen eigenen Index entwickelt, um Fortschritt auf dem Weg zu einer sozial kohärenten Stadt messen zu können. Doch diese Absichten sind offenbar in Vergessenheit geraten, seit die Grünen durch der Übernahme der Behörden für die Stadtplanung und das Soziale die Bremer Stadtentwicklung bestimmen.

Dabei kommt diesem Thema gerade gegenwärtig eine besondere Bedeutung zu, da durch die Flüchtlinge ein Anstieg der Bevölkerungszahl erfolgt, wie es ihn seit Langem nicht mehr gegeben hat. Mit der Verteilung der Zuwanderer wird daher die sozial Segregation erheblich beeinflusst.

Wenn man auf die vorliegenden Zahlen (Protokoll vom 23.11.2015 Ausschuss für Integration von Migrant(innen) und Flüchtlingen) zu den Flüchtlingsunterkünften sieht, wird unschwer klar, dass es sich hier nicht um eine ehe theoretische Frage von Stadtforschern, sondern um ein praktische Entscheidung handelt, die bereits jetzt die Weichen für mögliche spätere Integrationsprobleme stellt. Schließlich ist jedem bekannt, der in diesem Bereich arbeitet, dass eine Massierung die Herausbildung von Alternativ- und Gegenkulturen begünstigt. Das gilt nicht zuletzt auch für jüngere männliche Moslemfundamentalisten.

Räumliche Verteilung der Flüchtlinge durch die Sozialbehörde

In Bremen wurde bisher eine Verteilungspolitik betrieben, die man vermutlich durch Zeitdruck und Sachzwänge rechtfertigen wird, die eine erhebliche Variationsbreite bei den Flüchtlingsquoten in den Beiratsbeziken ausweisen. So schwnken die Anteilswerte auf dieser räumlichen Bezugsebene zwischen 0,4 % in der Östlichen Vorstadt, also dem Viertel, und 6,8 % in Bremen-Mitte.

Diese erheblichen Unterschiede sind das typische Merkmal der Verteilung von Flüchtlingen in Bremen, wobei wegen der Größenordnung nicht von reinen Zufällen ausgegangen werden kann.

Kaum betroffen von der Unterbrinung der Flüchtinge waren neben Östl. Vorstadt mit 0,4 % unterbrachten Flüchtlingen an der Einwohnerzahl, also in der Hochburg der Bremer Grünen, die hier als stärkste Fraktion den Beiratssprecher stellen,Findorff mit 0,6 % und Schwachhausen mit 0,8 %.

Auf der anderen Seite findet man nicht nur Anteilswerte von über 5 % in Bremen-Mitte, sondern auch in der CDU-Hochburg Oberneuland mit 5,6 % und in Woltmershausen mit 5, 7 %.

Die Flüchtlingsunterbringung in den WiN-Gebieten

Verglichen mit diesen Zahlen werden die bereits jetzt als sozial benachteiligt ausgewiesenen Orts- und Stadtteile, also die Bremer WiN-Gebiete, zwar unterschiedlich stark, aber nicht durch zusätzliche extrem hohe Flüchtlingsunterbringungen mit neuen sozialen Herausforderungen konfrontiert. So werden für Vegesack mit der Grohner Düne (4,3 %), Osterholz mit dem Tenever (3,4 %), Gröpelingen 3,4 %, Vahr 3,0 %, Hemelingen (2,8 %), Blumenthal mit Lüssum und Alt-Blumenthal (2,7 % ), Huchting (2,4 %) und Obervieland mit Kattenturm (1,9 %) ausgewiesen, also zwischen 4,3 % und 1,9 % betragende Flüchtlingsanteile.

Damit scheint vor allem in den Bereichen Gröpelingen, Osterholz und vor allem Vegesack die Gefahr zu bestehen, dass sich die bisherigen Problemlagen durch eine überdurchschnittlich hohe Unterbringung von Flüchtlingen noch verstärken.

Zukünftige Segregationstendenz

Die erhebliche Streuung der Anteile mit ihren Extremwerten hat jedoch nicht nur einen statischen Aspekt. Es ist in den kommenden Jahren nicht nur mit einem Familiennachzug zu rechnen, sondern mit weiteren Flüchtlingen. So gibt es offiziöse Projektionen, nach denen bisher erst ein Zehntel der insgesamt zu erwartenden Zuwanderung erfolgt ist.

Die bisherigen Flüchtlinganteile in den Beiratsbereichen würden sich damit verzehnfachen, wenn man eine gleiche räumliche Verteilung und keine Reaktion der bishergen Wohnbevölkerung auf die ethnischen und sozialen Änderungen unterstellt. Dadurch werden die jetzt auf einem tieferen Niveau vorhandenen Unterschiede etwa zwischen der Östlichen Vorstadt und einem bürgerlichen Wohnviertel am Stadtrand wie Oberneuland besonders deutlich; denn während man östlich der Innenstadt mit einem Anteil von 4 % rechnen muss, wären es in einem klassischen bürgerlich geprägten Bremer Vorort 56 %.

Bremen nach der aktuellen Flüchtlingszuwanderung

Die bisherigen Bewohner der Bremer Stadtteile dürften also nach einem Abklingen der gegenwärtigen Zuwanderung in deutlich veränderten Wohnumfeldern leben. Während sich ein suburbanes Wohngebiet mit einem hohen Anteil an CDU-Wählern zu einem vielleicht islamisch geprägten Stadtteil entwickeln kann, lässt sich in den von den Grünen dominierten innenstadtnahen Altbaugebieten weiterhin ohne Eingriffe einer Shariah-Polizei das eine oder andere Glas Biorotwein genießen, während man in vertrauter Runde über multikulturelle Erlebnisse im Ausland diskutiert.

Unter den fast offiziellen Annahmen wird sich Deutschland damit verändern, aber nicht überall in derselben Weise, wie die unter der Ägide der Sozialsenatorin entstehende Bremer Einwohnerverteilung exemplarisch zeigt.


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Integration oder Protest?

#6 von Reinhard , 31.01.2016 17:41

Zwischen Integration und Protest

Mitte Januar meldeten sich über Facebook drei Ortsvereine aus dem Norden der Ruhrmetropole Essen zu Wort, wobei ihre Ankündigung kritische Leser an Fakes notorischer Flüchtlingsgegner denken ließ. Die Sozialdemokraten aus dem Pott riefen zu einer Protestveranstaltung gegen weitere Flüchtlingsunterkünfte in ihren Wohnvierteln auf, was die deutschen Massenmedien sonst gern mit Aktionen von Neonazis und Pegida-Anhängern in Verbindung bringen. Die Vorstände der lokalen SPD-Organisationen wollten nach diesen Posts unter dem Motto „Genug ist genug - Integration hat Grenzen!" mit einem „Lichtermarsch“ gegen die von der Stadt vorgesehene Verteilung der Flüchtlinge in Essen protestieren.

Recht schnell und überzeugend stellte sich heraus, dass es sich in diesem Fall um eine ganz reale Absicht der tatsächlichen sozialdemokratischen Basis handelte. Nicht nur die politischen Gegner bei den Grünen und der Linken kritisierten das Vorhaben, sondern auch die SPD-Ministerpräsidentin des Landes NRW. Diese Intervention von oben führte schließlich zur Absage der Protestaktion von unten und brachte die nordrhein-westfälische Regierungspartei wieder auf ihren erwarteten Einheitskurs.

Auch ohne einen Protestmarsch gegen die Flüchtlingspolitik, für die unmittelbar der Oberbürgermeister und der Sozialdezernent von der CDU verantwortlich sind, haben die Sozialdemokraten aus dem Essener Norden damit nicht nur einen Konflikt mit ihrer Parteiführung ausgelöst, sondern gleichzeitig auf die Situation in einigen Essener Stadtbezirken
aufmerksam gemacht.

Das Problem der sozialen Mischung

Dabei wurde deutlich, dass mit der Verteilung von Flüchtlingen innerhalb einer Stadt sowohl eine Integration erleichtert als auch Proteste der bisherigen Wohnbevölkerung ausgelöst werden können, die sich um die Identität ihrer Wohngebiete Sorgen macht. Es kommt eben immer auf die jeweiligen Anteilswerte an.

Das lässt sich in Essen sogar recht präzise in Zahlen ausdrücken, da hier ein Beschlussvorschlag „Unterbringung von Flüchtlingen in 2016/2017" vorliegt, dessen Auswirkungen auf die neun Stadtbezirke Essens dargestellt sind.

Bei der Beurteilung muss man vor einer generellen Spaltung vieler Ruhrgebietsstädte sehen, die von einem Gefälle zwischen einem wohlhabenden Süden und einem Norden gekennzeichnet sind, wo eher sozial benachteiligte Einwohner leben. Das gilt in ganz besonderem Maß für den Stadtbezirk V, in dem die drei hier beheimatet sind. Dieses Gebiet mit Altenessen, Karnap und Vogelheim weist die typischen sozialstatistischen Merkmale sozial benachteiligter Gebiete auf, d.h. eine niedrige Wahlbeteiligung, viele Hartz IV-Bezieher und einen hohen SPD-Anteil.

Durch den Essener Flüchtlingsplan befürchten die Altessener Sozialdemokraten, dass der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund, der hier „derzeit über 40 Prozent“ liegt weiter dramatisch steigt, wenn „mehr als 70 Prozent der neuen Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden errichtet werden sollen".

Es wird also eine stärkere Gleichverteilung der Flüchtlinge gefordert und keine weitere räumlich Konzentration von Einwohnern mit einem Migrationshintergrund .

Ghettobildung am Stadtrand

Wie ein sachlicher Blick auf die Zahlen belegt, die der Sozialdezernent vorgelegt hat, ist die Kritik durchaus berechtigt. Zwar springt bei den Daten zunächst ein vorgesehener Anstieg im bürgerlich geprägten Stadtbezirk IX auf 5 % ins Auge, jedoch ist das keineswegs ein Indiz für eine angestrebte ausgewogenere Verteilung. Die genauere Analyse bestätigt vielmehr eine Konzentration der Flüchtlinge auf die Stadtbezirke V und VI, wo beinahe zwei Drittel mehr Flüchtlinge untergebracht werden sollen als im Essener Durchschnitt. Hier besteht also eine deutliche Tendenz zu einer weiteren sozialen Belastung, die von der Stadt durch die Flüchtlingspolitik bewirkt wird.

Sogar die anscheinende Kompensation durch einen eine verstärkte Unterbringung von Flüchtlingen im Essener Süden bedeutet bei einer näheren Betrachtung nicht gerade einen Abbau der bestehenden sozialräumlichen Spaltung Essens. Hier sollen 800 Flüchtlinge allein in Fischlaken untergebracht werden, d.h. in einem überwiegend ländlich geprägter Stadtteil mit Waldflächen, landwirtschaftlichen Betrieben aber auch dichteren Wohnvierteln.

Wenn in dieser Ortsteil am Stadtrand zwischen dem Baldeneysee und einem Golfplatz mit gut 4.000 Einwohnern 800 Flüchtlinge aufnimmt, würden man einen Flüchtlingsanteil von 20 % erreichen. Aber es geht nicht vorrangig um Durchschnitte; denn praktisch soll eine große isoliert liegende und weitgehend abgeschottete Flüchtlingssiedlung entstehen. Von der Standortwahl drängt sich dahr die Vermutung auf, dass die Flüchtlinge weniger integriert als aus dem Blickfeld verschwinden sollen. Kritiker sprechen bei dieser suburbanen Ghettobildung von „Containern im Nirgendwo“, sodass trotz der höheren Flüchtlingszahlen im Ruhrtal weiterhin keine „Asylsuchende an den noblen Villen vorbeilaufen“ werden.

Von der Sache her gab es für den Vorstoß der SPD-Ortsvereine aus dem Norden Essen Unterstützung durch die Lokalpresse, wo es in einem Kommentar heißt: "Eigentlich könnte die SPD stolz sein auf Basispolitiker, die auf Grundlage guter Ortskenntnisse ihren eigenen Kopf haben und damit republikweit nicht wenige Bürger beeindruckten."

Aber es geht nicht nur um Eindrücke, sondern um eine Verteilung, die für soziale Kontakte und damit eine Integration günstig ist, aber nicht aufgrund einer Massierung auf Ablehnung stößt und im Endeffekt zu Banlieues nach französischem Muster führt, die üblicherweise mit Perspektivlosigkeit, Vandalismus und Kriminalität in Verbindung gebracht werden .


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Eine weitere Verschwendung von Steuergeld des extrem hoch verschuldeten Bundeslandes Bremen
"Finanzresort prüft EU-Anträge"

Burg Blomendal (Quelle: wikipedia)
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