Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

Ausstellung: BWK in der NS-Zeit

#1 von Reinhard , 16.06.2014 17:25

Ausstellung: BWK in der NS-Zeit

Die Ausstellung „Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus", in der ursprünglich Fotos aus dem reichhaltigen Fundus des Fördervereins Kämmereimuseum präsentiert werden sollten, mausert sich inzwischen zu einem fast einmaligen historischen Ereignis für Blumenthal.

Dafür werden zahlreiche Fachvorträge sorgen, für die bereits feste Termine feststehen. Dabei werden nicht nur Referenten vortragen, die ohnehin mit Blumenthal verbunden sind, sondern auch mit Herrn Prof. Dr. Christoph Ulrich Schminck-Gustavus ein Rechtshistoriker der Bremer Universität einen Vortrag halten, der ein einschlägig bekanntes Buch über polnische Zwangsarbeiter herausgegeben hat.


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Ein ergänzender Text zur Ausstellung

#2 von Reinhard , 24.06.2014 13:11

Ein ergänzender Text zur Ausstellung

Parallel zur geplanten Ausstellung des Fördervereins Kämmereimuseum beschäftigt sich ein aktueller Blog-Artikel mit der „Bremer Woll-Kämmerei während der NS-Zeit. Zwölf Jahre aus der Sicht der Geschäftsberichte und der Wirtschaftspresse“

Dabei werden vor allem die Auswirkungen der Rahmenbedingungen im NS-Staat für die Arbeit der BWK dargestellt. Dazu zählen die Abschaffung des Betriebsrates und die Durchsetzung des Führerprinzips im Betrieb, Entlassungen weiblichen Arbeitskräfte, Einschränkungen der Produktion und Beschäftigung aufgrund einer Devisenbewirtschaftung und eine Faserstoffverordnung, der staatliche Zwang zur Verarbeitung von Zellstoff und später auch von Bast sowie die Beschäftigung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen in den Kriegsjahren.

Trotzdem findet man noch im Geschäftsbericht 1937 eine ungewöhnliche Anzeige, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, da sie keinen Begriff aus dem geforderten NS-Jargon enthält. Auf diese Weise, die man als kleinen verbalen Widerstand interpretieren kann, wird der Tod des langjährigen Chefs und Blumenthaler Ehrenbürgers Richard Jung mitgeteilt. Hat vielleicht der Tote selbst diesen Text entworfen, so dass den „Hauptschuldigen“ keine Sanktionen des Regimes mehr treffen können?

Näheres zu diesen angerissenen Punkten und vieles mehr findet man im Blogbeitrag.


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Vorfreude auf glücklicherweise Vergangenes

#3 von Reinhard , 26.06.2014 10:55

Vorfreude auf glücklicherweise Vergangenes

In den ausführlichen Berichten über die Veranstaltung „Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus“ im BLV und im Weser-Kurier ist neben den Vorträgen die Foto-Ausstellung ein wenig in den Hintergrund geraten.

Wie man in der aktuellen Fassung des Programms findet, lassen sich die demnächst ausgestellten knapp 150 Fotos sechs großen Themenbereichen zuordnen.

Im Mittelpunkt steht dabei weniger die damalige Kammzugproduktion, also beispielsweise die Versuche mit Zellwolle und später mit Bastfasern als Ersatz für Rohwolle, sondern das soziale Leben der Mitarbeiter. Hierzu gehören der Werkssport im Rahmen der NS-Organisation Kraft durch Freude und die Anfertigung von Weihnachtsgeschenken, durch die während des Krieges der Kontakt zwischen Heimat und Front verstärkt werden sollte.

In den letzten Kriegsjahren kommen dann noch die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges als Motive hinzu, so der Luftschutz und die Bombenschäden.


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„Ansteckendes“ Engagement

#4 von Reinhard , 02.08.2014 11:18

„Ansteckendes“ Engagement

Noch müssen wir alle darauf warten, was bei der Fotoausstellung und der Vortragsreihe des Fördervereins Kämmereimuseum tatsächlich zu sehen und zu hören sein wird. Die Veranstaltungsreihe beginnt schließlich erst am 5. bzw. 7. August.

Dennoch zeigt sich bereits im Vorfeld eine bemerkenswerte Wirkung dieser für Blumenthal ungewöhnlichen Veranstaltung „Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus“, die nicht nur aus der Thematik, sondern auch der Arbeit des Veranstalters resultieren dürfte

Damit ist die Beteiligung der Blumenthaler an der Vorbereitung gemeint, wie es eine ganz handfeste Zahl belegt. Noch im Juni sollten fast ausschließlich Fotos aus den Beständen des Staatsarchivs gezeigt werden, die dort seit der Schließung des Werks, als der Förderverein noch nicht bestand, fachgerecht aufbewahrt werden. Das hat sich inzwischen geändert, da viele Blumenthaler zu Hause gesucht haben und Fotos aus der NS-Zeit finden konnten. So kommt jetzt etwa ein Drittel der Ausstellungsobjekte aus diesen bisher öffentlich nicht zugänglichen privaten Beständen.

Das zeigt zweierlei. Zum einen drückt sich hierin die enge Verbindung zur BWK aus, die den Entscheidungsträgern auch im Bremer Rathaus zeigen sollte, welchen Stellenwert die Erinnerung an das Weltunternehmen Bremer Woll-Kämmerei in Blumenthal weiterhin besitzt, sodass die Bereitstellung von geeigneten Museumsräumen nicht etwa nur dem Hobby einiger weniger nutzt.

Zum anderen wird erkennbar, wie rasch sich Blumenthaler für eine Sache engagieren können, wenn sie sehen, dass es eine ansprechende Idee gibt, für deren praktische Umsetzung sich ein Einsatz lohnt. Der Förderverein und sein unermüdlicher Vorsitzender geben hier ein Vorbild ab, das viele mitreißt, weil es authentisch ist. Hier kann man sehen und vertrauen, dass etwas geschieht, das dem Motto des Fördervereins „Wofür machen wir das alles? Für Blumenthal!“ ohne politische Winkelzüge entspricht.


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Übersicht zur BWK-Veranstaltung

#5 von Reinhard , 05.08.2014 16:43

Übersicht zur BWK-Veranstaltung

Da in Laufe der Monate eine Reihe von Artikeln in das Blog gestellt worden ist, liegt jetzt zur Eröffnung der Veranstaltung „Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus“ eine spezielle Übersicht vor, die neben den Beiträgen unmittelbar zur Ausstellung auch auf Artikel über den Förderverein Kämmereimuseum als Veranstalter, Vorüberlegungen zu einem (virtuellen) Kämmereimuseum und ganz generell zur Geschichte der BWK und ihrem alten Werksgelände hinweist.


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Eröffnung

#6 von Reinhard , 06.08.2014 09:24

Eröffnung

Ergänzend zu den Artikeln im BLV und im Weser-Kurier kann man in der Sonderausgabe der „Einblicke“ den vollständigen Text der Eröffnungsrede des Vorsitzenden des Fördervereins Kämmereimuseum nachlesen. Darin erinnert Herr Gorn u.a. an die NS-Zeit in Blumenthal und stellt die Referenten der vorgesehenen Vorträge und deren Arbeit kurz vor.


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Eröffnungsvideo

#7 von Reinhard , 06.08.2014 10:48

Eröffnungsvideo

Das kurze Video unter dem Titel "Wollkämmerei unter dem Hakenkreuz", das Radio Bremen zur Eröffnung am 5. August in "buten un binnen" gesendet hat, kann man inzwischen im Internet auf den Webseiten von Radio Bremen oder youtube aufrufen:


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Mein heutiger Besuch der Ausstellung BWK in der NS-Zeit

#8 von Lola2 , 09.08.2014 20:30

...Blumenthal hat ein Gesicht bekommen!

Eine großartige Ausstellung und danke für die vielen Informationen, die ich als Besucherin mit nach Hause nehmen konnte.

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„Begeisternde“ Fotokunst braucht ein Heim, keine Einmottung

#9 von Reinhard , 22.08.2014 10:25

Begeisternde Fotokunst braucht ein Heim, keine Einmottung





Die ersten Wochen der Ausstellung „Die Bremer Woll-Kämmerei in der Zeit des Nationalsozialismus“ haben vielleicht nicht Blumenthal verändert, aber doch ein ganz besonderes Klima geschaffen. Der Stadtteil hatte jetzt über zwei Wochen lang bereits etwas ganz Besonderes zu bieten, was auch allgemein anerkannt wird, wie man bei Radio Bremen sehen und hören oder im Weser-Kurier sowie in den Bremer Wochenzeitungen lesen kann.

Da kann es nicht überraschen, wenn der Ortsamtsleiter selbst zu der Veranstaltungskombination aus Fotoausstellung und Vortragsreihe über Facebook einlädt. Zum Thema „Bau des Tanklagers: Zweck, Hintergründe und Folgen“ reichten sogar nicht einmal die Stühle im Vortragsraum aus, wie an anderer Stelle in diesem Forum berichtet wird.

Bei den Teilnehmern blieb eine positive Erinnerung an ihren Besuch zurück, wenn beispielsweise eine Besucherin in einem Leserbrief unter der Überschrift „Begeistert von wichtiger Ausstellung“ ihre Eindrücke schildert. Dabei weist sie besonders auf das Engagement zahlreicher Blumenthaler hin, die mit Fotos aus ihrem Privatbesitz zu dem Ausstellungsfundus beigetragen haben.

Historische Aufarbeitung der NS-Zeit

Dem Vorstand des Fördervereins ist mit der Verbindung aus einer Fotoausstellung und einer Vortragsreihe, die über die thematische Begrenzung auf die BWK hinausgeht und sich genereller mit der NS-Zeit in Blumenthal beschäftigt, eine Veranstaltung gelungen, die auch lokale historische Bezüge zum NS-Regime und seinen unmenschlichen Zügen aufgreift. Damit setzt sich Blumenthal mit dieser Zeit auseinander und geht darüber nicht anlässlich von Feiern zum Anschluss Blumenthals an Bremen einfach hinweg, wie es noch vor Monaten geplant war. Auf diese Weise kann ein engeres Zusammengehörigkeitsgefühl auch zwischen den Einwohnern wachsen, die sich angesichts einer Mehrheitsentscheidung des Beirats feindlich gegenüberstanden, als man sogar in der Nähe eines ehemaligen KZs eine „Anschlussause“ feiern wollte, wie es eine grüne Bürgerschaftsabgeordnete nannte.

Diese Kontroverse ist inzwischen weitgehend vergessen und die laufende Veranstaltung lässt sich praktisch als ein Schlussstrich verstehen. Jetzt hat Blumenthal seine dunkle Zeit vor allem durch die Vorträge über das zwischen 1933 und 1945 begangene Unrecht aufgearbeitet.

Damit darf jedoch die Fotoausstellung nicht übergangen werden. Sie lässt auch 70 Jahre nach Kriegsende noch Erinnerungen wach werden, und zwar nicht nur an Gebäude, die bereits damals standen, sondern auch noch an die Kindheit und Jugend einiger Blumenthaler oder an ihre Eltern und andere Verwandte, die inzwischen verstorben sind.

Blumenthaler Fotokunst

Wie der Artikel „Im Sog einer fremden Zeit“ im Weser-Kurier verdeutlicht, haben die Fotos nicht nur einen historischen Wert, indem sie das damals Geschehene dokumentieren. Vielmehr konnte die BWK in jener Zeit einen Werksfotografen beschäftigen, der auch künstlerische Interessen und Fähigkeiten besaß. Das belegt jetzt die Fotostrecke, die inzwischen weltweit im Internet aufgerufen werden kann.

Dort kann man den Einzelnen als Rädchen in einer Arbeitermasse sehen oder eher unbeholfen, wenn er im Rahmen einer Festzeremonie ausgezeichnet und für besondere Leistungen beschenkt wurde. Großen Raum nehmen bei der Fotos aus jener Zeit die Menschen in Uniform ein, denen gegenüber das Management der Wollkämmerei rein bildlich bereits einen untergeordnete Position einzunehmen scheint.

Auch die vom Fotografen vorgenommenen Inszenierungen erlauben bei genauer Betrachtung Einblicke in das Denken der Menschen in jener Zeit, wenn sie gegenüber den Hakenkreuzsymbolen und Hitlerbildern häufig in den Hintergrund treten.

Offenbar scheinen nur die jungen Mitarbeiterinnen diese Zeit relativ unbeschwert erlebt zu haben, wenn sie im Parteibüro der NSDAP mit älteren Herren in Parteiuniformen Texte schreiben oder auf dem Werksgelände in Turnkleidung aufmarschiert sind.

Alles das lässt sich bis zum 30. August sehen und nacherleben. Doch was wird dann passieren?

Kulturtreff mit BWK-Museum

Wohl niemand wird es wollen, dass diese Ausstellung in irgendwelchen Depots verschwindet und als schöne Erinnerung in den Köpfen der Besucher allmählich vergessen wird. Bereits bei der Eröffnung wurde daher die Notwendigkeit eines Kulturtreffs mit einem BWK-Museum in Blumenthal betont. Dieser Wunsch dürfte jetzt nach den Erfahrungen mit der Ausstellung und den Vorträgen zu einer Forderung werden.

Die scheint auch durchaus realistisch zu sein, wenn man an die durch die Ausstellung nachgewiesene Einsatzbereitschaft und Kompetenz des Fördervereins Kämmereimuseum und seines Vorsitzenden denkt. Ihnen wird es jeder zutrauen, nach dieser Veranstaltung auch ein BWK-Museum auf die Beine zu stellen.

Gerade dieser ganz besondere Fotoschatz aus der NS-Zeit sollte dafür ein weiteres Argument sein. Die Entscheidungsträger in Bremen, die es mit der häufig versprochenen Förderung Blumenthals ernst meinen, können hier das vorhandene bürgerschaftliche Engagement unterstützen. So lässt sich ohne immensen Einsatz von Steuergeldern diese Ausstellung für die Öffentlichkeit erhalten, wenn dafür geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Eine museale Präsentation der Fotos aus dieser Ausstellung kann daher eine wertvolle Ergänzung zu den bisherigen Vorüberlegungen sein.

Ebenso wichtig ist es jedoch, dass es auch für Blumenthal einen Raum gibt, in dem man sich in Fachvorträgen informieren kann. Dabei hat sich jetzt gezeigt, dass hierfür weiterhin im alten Zentrum ein geeigneter Treffpunkt ist, wobei es dann weniger wichtig ist, ob es nicht auch am Marktplatz oder auf dem BWK-Gelände sein kann.

Die Veranstaltungsreihe des Fördervereins Kämmereimseum ist damit ein ganz praktisches Plädoyer für ein BWK-Museum, das über die besondere Stellung des ehemaligen Weltunternehmens in der Industriegeschichte informiert, neue Besucher durch ein virtuelles sowie Mitmach-Angebot anspricht und zusätzlich seinen Fotoschatz präsentiert.


NS-Gigantomanie und menschliche Gesichter

Man kann die Fotoausstellung jedoch noch in einem etwas weiteren räumlichen Rahmen sehen. Diese Fotos, bei denen das „Lebensechte“ im Fokus steht, wie der Chefreporter des Weser-Kuriers schreibt, sind damit ein Kontrast, aber auch eine notwendige Ergänzung zu der architektonischen Gigantomanie, die Blumenthal in Farge mit dem Tanklager und in Rekum mit dem Bunker Valentin aus jener Zeit als eher ungewolltes Erbe aufweist. Auch dort haben Menschen gearbeitet, allerdings vor allem Zwangsarbeiter Häftlinge, die durch die Arbeitsbedingungen sterben sollten.

Blumenthal besitzt damit auf engem Raum wirklich einmalige Erinnerungen an die NS-Zeit, aus denen man sicherlich viel machen könnte. Es sind Chancen für eine authentische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, die nicht nur auf einen Blickwinkel beschränkt sein muss.

Wenn man sich mit dieser Zeit historisch auseinandergesetzt hat, kann man vielleicht sogar zu einem Informationszentrum gelangen, das unbefangen und sachlich neuen Generationen und Migranten erklärt, wie es in Deutschland zu diesen Jahren gekommen ist.

Dieses Wissen könnte man dann nicht nur als moralische Mahnung verstehen, sondern als Hilfe bei der Beurteilung vieler aktueller Auseinandersetzungen auf dem Globus. Auch dort finden wir die Stereotype von Masse und Individuum, von Führerkult, von Unterdrückung, Sadismus und Menschlichkeit, wie man sie in den Fotos und Vorträgen der Veranstaltung des Fördervereins Kämmereimuseum am Beispiel Blumenthals und seiner Wollkämmerei noch bis zum Ende des Monats nacherleben kann.


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RE: „Begeisternde“ Fotokunst braucht ein Heim, keine Einmottung

#10 von Reinhard , 23.08.2014 20:51




Ähnlich sieht es auch die überregionale Presse, in der Blumenthal und sein jetziger OAL bisher nicht nur mit positiven Bewertungen bedacht wurden:

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artik...e9bf6496b2c5ae9

Die Kernaussage ist sehr deutlich: "Die Ausstellung hätte viel mehr verdient". Damit ist auch eine museale Präsentation gemeint.



"Grabbeltisch"


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Kurz vor Toresschluss

#11 von Reinhard , 26.08.2014 12:27

Kurz vor Toresschluss


Vortrag von Prof. Schminck-Gustavus


Da nur noch drei hochinteressante Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Bremer Woll-Kämmerei in der Zeit des Nationalsozialismus“ besucht werden können und auch die Türen für die weitgehend einmaligen Fotos aus dieser Zeit nur noch bis zum 30. dieses Monats geöffnet sind, lädt Herr Gorn, der Vorsitzende des Fördervereins Kämmereimuseum, in einer Sonderausgabe 2 der „Einblicke“ nochmals zu diesen besonderen Events in Blumenthal ein.

Näheres findet man unter www.blumenthal-zeitung.blogspot.de/2014/...rausgabe-2.html im Blog.


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Blumenthals Betlejemka

#12 von Reinhard , 26.08.2014 17:34




Blumenthals Betlejemka


Auch am Montag hatte der Forderverein Kämmeeimuseum mit seinem Vorsitzenden Detlef Gorn für seine Veranstaltungsreihe „Die BWK in der Zeit des Nationalsozialismus“ wieder ein attraktives Thema und einen ausgewiesenen Referenten gefunden. So reichten erneut die zunächst aufgestellten Stühle nicht aus; denn die Zahl der interessierten Zuhörer dürfte eine niedrige dreistellige Zahl erreicht haben. Die wurden auch von dem emiritierten Bremer Professor Schminck-Gustavus, der sich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen mit dem Thema Fremd- bzw. Zwangsarbeiter beschäftigt hat, nicht enttäuscht.




Im Mittelpunkt des Vortrags stand das Buch „Hungern für Hitler“, dessen Titel zunächst zu einem Achselzucken führen kann, da es gestern um das Schicksal junger Polen ging. Warum soll man ihr Schicksal so zusammenfassen, dass man daraus auf ein Absicht zugunsten des deutschen Führers schließen kann, für den es zu viele slawische Untermenschen im Osten gab.

Die Erklärung der Titelwahl ging dann auch in eine andere Richtung. Es handelt sich wohl um einen Toilettenspruch eines Deutschen, da er sprachlich und orthographisch korrekt geschrieben war, während die jungen Polen sich kaum so perfekt auf Deutsch ausdrücken konnten. Aber der wichtigste Gesprächspartner von Herrn Schminck-Gustavus hatte ihn aufgeschrieben, wie er auch viele andere Dinge während seines Zwangsaufenthalts bei der BWK gesammelt und mit nach Polen genommen hatte.

Das Schicksal dieses jungen Polen Adam Tomkiewicz, den man mit 14 Jahren nach Blumenthal gebracht hatte, war daher ein wichtiger Teil des Vortrags, da aus seiner Zeit bei der BWK auch Fotos, Quittungen und Bescheinigungen gezeigt wurden, die der Referent bei seinem Besuch in Gdansk, also dem früheren Danzig, fotografiert hatte.

Die Erinnerungen Anfang der 1980-er Jahre kreisten dabei vor allem um das Wohnhaus, in dem die polnischen Zwangsarbeiter in Blumenthal untergebracht worden waren. Sie hatten es Betlejemka genannt, was Bethlemhäuschen bedeutet. Dort hatte der junge Adam eine Großfamilie erlebt, in der es mit Femi Ciagwa eine mütterliche Heimleiterin, und einen älteren Polen als „Beschützer“ gab.

Der Name für das Haus an der Landrat-Christians-Straße 101 war den vermutlich stark religiös geprägten Polen offenbar wie die Krippenszene in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas vorgekommen. In einer fremden, unwirtlichen Umgebung gab es so etwa wie eine schützende Familie.

In der Außenwelt regierten die harten Gesetze für die Fremdarbeiter. So mussten die Polen deutlich sichtbar auf der linken Brust ein „P“ für Pole tragen, da die Fremdarbeiter entsprechen ihrer Herkunft oder „Rasse“, wie sie von der NA-Ideologie festgelegt war, unterschiedlich behandelt wurden. So konnten Franzosen anfangs, als sich das Kriegsglück noch nicht gewendet hatte, sogar Kinovorstellungen besuchen und eine Tanzveranstaltung an der Weser organisieren. Das gab es für die Slawen nicht. Ihnen wurde, wie der junges Adam es als Quittung dokumentieren konnte, ein Strafgeld von 10 RM und 10 RPf auferlegt, wenn sie einmal das P-Zeichen vergessen hatten.

Insgesamt war es für Herrn Schminck-Gustavus jedoch schwierig, Auskünfte über das tatsächliche Geschehen in jener Zeit zu erhalten. Das galt sowohl für die beteiligten Polen als auch Deutschen, wenn auch aus vermutlich sehr unterschiedlichen Gründen. So fasste ein zweiter Interviewpartner, der in der BWK gearbeitet hatte, seine Haltung in dem Satz „Wer wird sich megen erinnern?“ zusammen.

Das erklärt auch eine Reihe widersprüchlicher Aussagen über tatsächlichen Vorgänge.

Relativ sicher ist es, dass man in der Regel von Zwangsarbeitern sprechen muss. Das zeigt die Rekrutierung der polnischen Schüler. Als nach dem Blitzsieg über die polnische Armee die Schulen wieder eröffnet wurden, hatten die Schüler keine Wahl. Ab der Klasse 5 wurde alle Schüler zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportiert, während die jüngeren noch etwas mehr lernen durften.

Kontrovers sind die Aussagen über die Entlohnung und die Frage, was in der BWK alles die Schaf- und Zellwolle ersetzen musste, als die Rohstoffversorgung einbrach. Die polnischen Zwangsarbeiter wollen die Verarbeitung von Menschenhaaren beobachtet haben, was von den deutschen Befragten bei der BWK bestritten wird. Für die polnische Version spricht nach der Einschätzung des Referenten, dass sie in den Haaren versteckte kleine Goldmünzen gesehen haben wollen, wie es ein Sitte bei Sinti und Roma ist.

Auch wenn Herr Schminck-Gustavus nicht gezielt der Frage nach der Entlohnung nachgegangen ist, nimmt er an, dass den polnischen Zwangsarbeitern praktisch kein Bargeld ausgezahlt wurde. Offenbar ist der Betrag, der auf dem Papier stand, für das Leben im Wohnheim und Strafen oder Ähnliches verrechnet worden. Es gab jedenfalls keine Geldscheine oder gekaufte Waren unter Adams Erinnerungstücken an seine Arbeit bei der BWK.

Auch wenn die Schilderungen der menschlichen Schicksale der Zwangsarbeiter zu einem bedrückten Nachdenken bei den Zuhörern und Zusehern führte, was durch die vom Referenten in diesen Situationen eingesetzten musikalischen Zwischenspiele noch verstärkt wurde, fanden die Vortragsbesucher trotz dieser emotionalen Belastung viele positive Worte zum Vortrag und der speziellen Präsentation. So regte der als als „spannend“ empfundenen Vortrag, der auch viele zeitgeschichtliche Bezüge und Einblicke in die Arbeitsweise von Herrn Schminck-Gustavus enthielt, noch zu langen Gesprächen unter den Teilnehmern dieser Veranstaltung des Fördervereins Kämmereimuseum an.


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Veranstaltung im Rückblick

#13 von Reinhard , 09.09.2014 17:54

Veranstaltung im Rückblick

Von der viel gelobten Ausstellung „Die Bremer Woll-Kämmerei in der Zeit des Nationalsozialismus“ bleibt vorerst nur die Erinnerung, da es nach den bisherigen Erfahrungen noch geraume Zeit dauern dürfte, bis der Förderverein Kämmereimuseum sie in einem BWK-Museum auf dem alten BWK-Gelände vielleicht als Wechselausstellung mit seinen anderen Schätzen erneut präsentieren kann.

Um wenigstens eine kleine Gedächtnisstütze an die gesamte Veranstaltungsreihe anzubieten, ist ein neuer dreiteiliger Blogartikel erschienen, der unter dem Titel „Der Förderverein Kämmereimuseum bemüht sich um ein neues Image für Blumenthal. Ein Rückblick auf die Veranstaltungsreihe zur BWK in der NS-Zeit“ steht. Damit wird auf den besonderen Anlass der Ausstellung und der Vortragsreihe gerade zum jetzigen Zeitpunkt hingewiesen.


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Frauen auf der BWK
BWK-Werkszeitung „Sir Charles“

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