Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal

#1 von Reinhard , 06.12.2013 13:39

„NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“

Aus Stroh lässt sich bekanntlich nur im Märchen Gold spinnen. Wenn man nicht gleich dieses Wunder erwartet, können jedoch negative Wahrzeichen eines Ortes, die dessen Image eher belasten, in ein attraktives Angebot für Touristen verwandelt werden. Das will zumindest ein aktueller Vorschlag versuchen, der in Form eines Bürgerantrags gemacht wurde. Über diesen Weg soll der Bremer Kultursenator, der bekanntlich auch gleichzeitig Bürgermeister ist, um eine Prüfung dieses Vorschlags gebeten werden, sodass auf dieser Informationsgrundlage später weitere Schritte unternommen werden können.

Da nach bisherigen Erfahrungen Bürgeranträge schnell von der Seite des Ortsamtes Blumenthal verschwinden können, soll hier zunächst der Antrag in voller Länge erscheinen:

Bürgerantrag

„NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“



Sehr geehrte Damen und Herren im Beirat,

neben seinen landschaftlichen Schönheiten hat Blumenthal aus der Vergangenheit auch menschengemachte negative Sehenswürdigkeiten geerbt, zu denen vor allem das KZ Bahrsplate, der Bunker Valentin und das Wifo-Tanklager „Wasserberg“ in Farge zählen.

Dieses unübersehbare Erbe aus dem Dritten Reich ist einerseits allein aufgrund seiner Monumentalität noch heute praktisch einzigartig, andererseits jedoch wegen seiner zumindest assoziativen Verbindungen mit den Standorten Blumenthal, Farge und Rekum eine Belastung für das Image des Stadtteils.

Wie andere deutsche Städte muss sich auch Blumenthal dieser Herausforderung stellen, wenn es der Thematik nicht möglichst ausweichen will. Da das vermutlich auf Dauer nicht möglich sein wird, empfiehlt sie eine offensive Aufarbeitung, indem ein Denk- und Informationsangebot entwickelt wird, das einem breiteren Publikum die Funktionen, Arbeitsbedingungen und historischen Hintergründe dieser Architektur für den „Totalen“ Krieg erschließt.

Diese Entscheidung stellt sich vermutlich in der nächsten Zeit mit besonderer Dringlichkeit, da über einen vollständigen Rückbau des Tanklagers Farge nachgedacht wird und der vorgesehene Ausbau des Bunkers Valentin zu einem Denkort nur bedingt Fortschritte macht, wie der jüngste Antrag der SPD-Fraktion im Blumenthaler Beirat zeigt. Dabei dürfte sich die Frage nach einer adäquaten längerfristigen Nutzung dieser U-Boot-Produktionshalle Anfang nächsten Jahres verstärkt stellen, wenn die ARD im kommenden Februar die Radio-Bremen-Produktion „Geheimnisvolle Orte: U-Boot-Bunker Valentin" ausstrahlen wird.

Durch die in enger Nachbarschaft liegenden weltweit „größten Relikte aus der Nazizeit“ und das weltweit „größte künstlich angelegte unterirdische Tanklager“ bieten sich nach dem Rückzug der Bundeswehr zivile Nutzungsmöglichkeiten für diese Anlagen, die sowohl die einmalige architektonische Gigantomanie als auch die militärische Verwendung in einem totalitären Regime berücksichtigen. Eine Option kann dabei die Erweiterung des bestehenden Denkort-Konzepts zu einem NS-Denk- und Informationszentrum sein.

Die historischen Grundlagen und Ansatzpunkte wären dabei der Bunker und zumindest ein teilweise freigelegter Tank in Farge, sodass diese monumentalen Anlagen bereits Fragen aufwerfen, die sich durch ergänzende Ausstellungen beantworten lassen. Dabei kann – ausgehend von den Zielsetzungen der beiden Einrichtungen - auf die Ursachen eingegangen werden, die zum Entstehen und Erstarken des Nationalsozialismus geführt haben. Ergänzend bietet sich eine Darstellung des Alltagslebens während des Dritten Reiches und während des Totalen Krieges an, denn diese Teile der deutschen Geschichte sind bisher museal wenig aufgearbeitet worden und dürften zumindest den Angehörigen der jüngeren Generation relativ unbekannt sein, wenn ihnen keine gesprächigen Groß- oder Urgroßeltern als Zeitzeugen berichten können.

Der Beirat Blumenthal möge daher den Bremer Kultursenator bitten,

die historische und politische Bedeutung eines NS-Denk- und Informationszentrums Bremen-Blumenthal zu prüfen, das baulich gesehen aus dem Bunker Valentin und einem exemplarischen Teil des heutigen Tanklagers Farge besteht.

Um ein breiteres Publikum nicht nur mit dieser Monumentalarchitektur anzusprechen, soll dabei eine Ergänzung durch Zusatzausstellungen in den teilweise ohnehin vorhandenen Räumlichkeiten angedacht werden.

Neben einer politischen Bewertung müsste eine betriebswirtschaftliche Prüfung der Kosten und Einnahmen erfolgen, wobei vor allem von Schulklassen, Bremer Städtetouristen und Nordseeurlaubern als Besuchern ausgegangen werden kann. Ansatzpunkte können dabei die Erfahrungen des Historisch-Technisches Museums Peenemünde, der Gedenkstätte Mittelbau-Dora und des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände
in Nürnberg liefern.

Die abschließenden Daten dieser Prüfung sollten dabei eine Auswahl zwischen wünschenswerten Varianten unter der Berücksichtigung der Kosten erlauben.

Unter diesem Aspekt müssen verschiedene Varianten auf ihre politischen und finanziellen Auswirkungen beurteilt werden, und zwar:

- Eine Einbeziehung der Bahrsplate, wodurch stärker auf die Zwangsarbeiterproblematik eingegangen wird und sich beispielsweise die täglichen Märsche zwischen den Wohnbaracken und den Arbeitsstätten als besondere Besuchererfahrung anbieten ließen. Entsprechendes gilt für das Kriegsmarinetanklager Farge in Schwanewede

- Eine Herausarbeitung des Lebens während des sogenannten „totalen“ Krieges, wofür sich ein Bunker in besonderer Weise eignet

- Die Beteiligung der deutschen Wirtschaft am Aufbau des NS-Staates und an der Kriegsvorbereitung anhand der Beispiele der auch hier beteiligten IG Farben und Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (WiFo)

- Eine Aufarbeitung der sozialen und psychischen Voraussetzungen, die zur Verbindung von Ingenieurleistungen, wie sie sich in den Bauwerken zeigen, mit der unmenschlichen Behandlung von Zwangsarbeitern und zur Abkehr von vermutlich weniger imposanten, dafür aber effektiveren Alternativplanungen geführt haben

- Eine Ergänzung durch eine Darstellung des Lebens im NS-Staat wie sie nach der Wende schnell in mehreren Städten der neuen Bundesländer über das Leben im SED-Staat aufgebaut worden ist, und nicht zuletzt

-Eine Dokumentation der zahlreichen wissenschaftlichen Erklärungen für die Entstehung und das Erstarken des Nationalsozialismus, sodass die Besucher, wenn sie das Denk- und Informationszentrum verlassen, nicht nur gewaltige rätselhafte Bauwerke gesehen haben. Sie sollen vielmehr erfahren können und darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen und mit welchen Motivationen Menschen derartige Bauwerke, die später entweder gar nicht genutzt wurden oder heute noch die Gesundheit und das Eigentum der Anwohner gefährden, weitgehend durch Zwangsarbeiter schaffen ließen

Für Ihre freundliche Unterstützung bei der Prüfung meines Vorschlags für ein „NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“, das sicherlich unseren Stadtteil aufwerten kann, durch die zuständigen Stellen des Landes Bremen dankt Ihnen im Voraus...


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Spannende Fragen

#2 von Reinhard , 06.12.2013 13:42

Spannende Fragen

Nach den Erfahrungen mit einigen Bürgeranträgen muss man die kommende Beiratssitzung am Montag mit Spannung erwarten.

Wird die Mehrheit wieder festsetzen, dass alle angesprochenen Fragen schon beantwortet sind wie beim BWK-Gelände?

Oder wird sie eine Vertagung beschließen, die allerdings als Behandlung entsprechend dem Beirätegesetz bezeichnet wird, sodass es zu gar keiner Abstimmung über eine Unterstützung des Antrags kommt? So war es zumindest bei einer Nachfrage zur Arbeit der Sozialbehörde, die sich auf zusätzliche finanzielle Mittel aus Nicht-Bremer Töpfen bezog. Dabei ging es u.a. um Maßnahmen, durch die sich die Problemsituation an der George-Albrecht-Straße entschärfen lässt.

Aber das ist inzwischen Vergangenheit. Daher kann es am Montag natürlich ganz anders aussehen, wenn sich der Beirat diesmal mit diesem Bürgerantrag einfach nur so beschäftigen wird, wie es das Gesetz befiehlt.


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Gedanken - Denken - "Nach"denken

#3 von Lola , 07.12.2013 05:01

http://www.deutschlandfunk.de/wenn-natio...ticle_id=180962

Zitat
Deutsche Wissenschaftler haben sich meist aus freien Stücken in der Forschung des NS-Staats engagiert. Historiker sind mittlerweile darüber einig: Nach 1933 wurden die Forscher keinesfalls von nationalsozialistischen Funktionären und Politikern für ihre Ziele missbraucht. Sie bombardierten die Behörden geradezu mit ihren eigenen, neuen Projektvorschlägen. Wie es zu dieser bereitwilligen "Selbstmobilisierung" für den faschistischen Staat kam, lässt sich jetzt in detaillierten historische Studien nachlesen.
Zitat Ende

Der Mangel an Rohstoffen, die es in Deutschland nicht gab, beflügelte die Wissenschaftler und die Industrie die Forschung zur Herstellung synthetischer Stoffe voranzutreiben.
Z.B. begann man 1926 in Leuna synthetisches Benzin herzustellen.

Die Leuna-Werke waren der größte Betrieb des I.G.Farben Konzerns.
Der Konzern I.G. Farben war an Gigantonomie eigentlich kaum noch zu überbieten und zur damaligen Ideologie passt auch das Tanklager "Wasserberg" in Bremen-Farge,

http://www.bufata-chemie.de/reader/ig_farben/0201.html

"Besaß die I.G. 1927 75 ausländische Betriebe, so betrug die Zahl der von der I.G. kontrollierten Fabriken im Ausland gegen Kriegsende 500, ihr Vermögen war größer als 1 Mrd. RM. Die I.G. besaß Beteiligungen in 93 Ländern. Hierbei lag die Hauptzahl der Firmen zwar in Europa, davon 14 sogar im feindlichen England, jedoch war die I.G. auf jedem Kontinent massiv vertreten. So gab es in Afrika 22 Betriebe, 4 davon in Ägypten, in Asien 43, davon 11 in Japan und 7 in China, in Australien 2, in Lateinamerika sogar 117, wovon 16 in Brasilien, 13 in Kolumbien, 12 in Peru und 10 in Argentinien lagen, und auch in den USA bestanden 11 von der I.G. geleitete Firmen. Die 10 Werke der I.G. auf pazifischen Inseln seien hier nur der Vollständigkeit halber aufgeführt".


Was wissen wir über den " Generalplan Ost" der von Wissenschaftlern erarbeitet wurde?

Der Aufarbeitung der NS-Zeit ist nicht damit Genüge getan, die Greueltaten aufzudecken, in Form von Bildmaterial und Niederschriften darüber,sondern schonungsloseTransparenz zu schaffen über die Hintergründe, warum dieser Ideologie so viele Menschen freiwillig folgten, und was hinter dieser Ideologie überhaupt steckte?!

Begegnet uns diese Ideologie aus der NS-Zeit immer noch?
Gibt es die Gigantonomie auch heute noch? Vielleicht nur in etwas anderer Form?


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RE: Gedanken - Denken - "Nach"denken

#4 von Lola , 07.12.2013 09:54

..zum vorangegangenen Beitrag:

Es muss natürlich "Gigantomanie" heißen....sorry...aber morgens um 5.00 h kann das schon mal passieren


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RE: Gedanken - Denken - "Nach"denken

#5 von fight4yrights , 07.12.2013 13:59

Hallo,
der Bürgerantrag ist super. Die Ideen sind zu begrüßen und sollten auch umsetzbar sein.
Hoffentlich wird dieser Antrag vom Antragssteller verlesen, denn ich denke, so langsam muss auch der Beirat realisieren, dass 10 Minuten auf der Tagesordnung für Bürgeranträge zu wenig ist.
Hoffentlich sind die Zeiten mal vorbei, in denen es "nur" um kaputte Parkbänke und nicht geleerte Papierkörbe ging.
Übrigens: Es gibt auch eine Kriegsgräberstätte im Wifowald, wenn auch auf Schwaneweder Boden, und die sollte m.E. mit in das Konzept eingebaut werden.
LG
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Gewährleisten, nicht abschirmen und pampern!

#6 von Reinhard , 08.12.2013 10:39

Gewährleisten, nicht abschirmen und pampern!

Der Inhalt des Antrags ist zumindest in Blumenthal "nur" die eine Seite, die andere sind die Formalien vor und bei einer Behandlung im Beirat, sodass hierzu einige allgemeine Anmerkungen notwendig sind:

Bremen hat mit seinem Beirätegesetz nicht nur die einzelnen Ortsteile und Stadtteile am politischen Entscheidungsprozess stärker beteiligt, als das über die Bürgerschaft allein möglich ist.

Der § 6 nennt noch zusätzlich eine weitere Aufgabe für diese gewählten Gremien: die Beiräte sollen die Bürgerbeteiligung „gewährleisten“ und sie „anregen“. Das bezieht sich sowohl auf „aus der Bevölkerung kommende Wünsche, Anregungen und Beschwerden“ als auch auf Anträge, die von Einwohnerinnen und Einwohner, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, „in beiratsbezogenen Angelegenheiten“ gestellt werden können.

Für diese Anträge macht das Gesetz zudem zwei klare Vorschriften: Sie müssen 1. vom Beirat „binnen sechs Wochen“ beraten werden und 2. ist der Antragstellerin bzw. dem Antragsteller das „Beratungsergebnis“ „unverzüglich schriftlich“ mitzuteilen.

Damit liegen derart klare Vorschriften vor, dass man sich fragen muss, warum einige Beiräte sich nicht an diesen Willen des Gesetzgebers halten wollen.

Der Gesetzgeber räumt über die Beiräte den Bürgerinnen und Bürgern ein Beteiligungsrecht ein, das vor allem Fragen, Vorschläge und Beschwerden umfasst, wobei die Beiräte diese Information selbst zur Kenntnis nehmen und umsetzen sollen oder an zuständige senatorische Behörden oder andere Institutionen weiterleiten können.

Im letzten Fall sieht das Gesetz eine Beratung vor, wobei deren Inhalt offen bleibt. Man muss dieser Forderung jedoch zweifellos in Verbindung mit der generellen Unterstützung der Bürgerbeteiligung sehen, die der Gesetzgeber zuvor ausgesprochen hat. Ziel der Beratung kann es daher nicht sein, Bürgeranträge möglichst zurückzuweisen, sondern sie vielmehr im Sinne der Bürgerbeteiligung zu unterstützen, wenn nicht ein eindeutiger Rechtsmissbrauch vorliegt.

Der Gesetzgeber will also die Beiräte und Ortsämter nicht dazu benutzen, um die Verwaltung vor den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern schützen. Zwar sind die gewählten Beiräte bekanntlich nur ihrem Gewissen verpflichtet, jedoch sieht der Gesetzgeber ihre Aufgabe nicht darin, deshalb interessierten und engagierten Bürgern Auskünfte zu verweigern. Wenn die Beiräte ihr Mandat so verstehen sollten, weichen sie damit nicht nur vom Willen des Bremer Gesetzgebers ab, sondern verhindern auch die gewünschte Bürgerbeteiligung.

Der Gesetzgeber will also nicht, dass Anträge bzw. Anfragen von Bürgern möglichst verhindert werden, denn der Gesetzestext spricht vielmehr davon, dass die Bürgerbeteiligung angeregt werden soll.

Ähnlich problematisch kann offenbar die Rolle des Ortsamtsleiter interpretiert werden, die nach dem Willen des Gesetzgebers Dienstleistungen für den Beirat erbringen sollen. So haben sie gemäß § 29 die Beiräte „bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen“ und den „Beiratsmitgliedern die .. vorliegenden Unterlagen für die Vorbereitung von Sitzungen rechtzeitig zur Verfügung“ zu stellen.

Damit zieht der Gesetzgeber eine klare Grenze zwischen den von der Bevölkerung gewählten Beiräten, also einem Organ der Legislative, und dem Leiter eines Ortsamtes, also einer Instanz der Verwaltung.

Wenn jetzt der Bürgerantrag „NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“ angeblich „sehr komplex“ und „sehr umfangreich“ sein soll, sodass der Beirat „eine Entscheidung darüber vertagen muss“, wirft das eine Reihe von Fragen über die Stellung des Beirats und vor allem des Ortsamtes auf.

Wieso wird hier nicht einfach versucht, dem Willen des Gesetzgebers zu entsprechen, sondern bereits vor der Beratung vonseiten der Verwaltung eine abweichende Behandlung verlangt? Warum will man nicht einmal versuchen, die Entscheidung so zu organisieren, dass sie den Vorgaben des Beirätegesetzes entspricht?

Warum glaubt das Ortsamt bereits ein Urteil über das Verhalten des Beirats fällen zu müssen, bevor dieses Gremium überhaupt zusammengetreten ist und eine Diskussion führen konnte? Will hier etwa die Verwaltung ohne eine notwendige Legitimation frühzeitig verhindern, dass Bürgerfragen die zuständigen senatorischen Behörden erreichen?

Wo ist in dieser Diskussion zu erkennen, dass der Beirat unterstützt vom Ortsamt die Bürgerbeteiligung gewährleistet, also dem Willen des Gesetzebers entspricht? Sieht es bei diesem Vorgehen nicht eher so aus, dass die lokale Verwaltung den Beirat als gewählte Vertretung bevormunden will und die Bremer Verwaltung vor Bürgerfragen abschirmen will?

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RE: Gewährleisten, nicht abschirmen und pampern!

#7 von Lola , 10.12.2013 08:19

Der Beirat Blumenthal hat sich gestern für den Bürgerantrag

"NS-Denk-und Informationszentrum Bremen-Blumenthal" entschieden.


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Lob für Beirat und Ortsamt

#8 von Reinhard , 10.12.2013 11:20

Lob für Beirat und Ortsamt

Wenn es positive Entwicklungen gibt, sollen sie selbstverständlich hier im Forum unverzüglich anerkannt und gelobt werden. Das gilt für die neue Rubrik “Angenommene Bürgeranträge“, wo auch bereits der Antrag "NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal" zu finden ist. Zwar lässt sich der Antrag noch nicht hier, sondern nur unter der alten Überschrift aufrufen, aber das kann sich ja noch ändern.

Immerhin hat sich gestern gezeigt, dass der Blumenthaler Beirat die Gewährleistung der Bürgerbeteiligung durchaus ernst nehmen kann. Und das ist eine erfreuliche Entwicklung, die sich hoffentlich bei der Kulturbehörde fortsetzt.


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RE: Lob für Beirat und Ortsamt

#9 von fight4yrights , 10.12.2013 20:30

Zitat
Der Beirat Blumenthal hat sich gestern für den Bürgerantrag

"NS-Denk-und Informationszentrum Bremen-Blumenthal" entschieden.


Der Beirat muss Bürgeranträge annehmen. Er kann sich nicht für oder gegen eine Antrag entscheiden - im Sinne von Annahme / Ablehnung.
Ich habe auch schon mal einen Bürgerantrag gestellt (vor 2 Jahren) und bis heute keine Antwort erhalten.
Natürlich kann ein Antrag auch in der Sitzung selbst nach Diskussion beschieden werden. Mit Sicherheit ist es nicht die Aufgabe des OAL, die Meinungsbildung im Beirat zu beeinflussen. Der hat lediglich dafür zu sorgen, dass es zu einer "zivilisierten" Diskussion kommt, bei der nicht alle durcheinander reden.
Wenn der OAL also schon vorher oder nach Ende der Diskussion sagt:
Ich bin der Meinung, wir sollten..... dann ist das das Signal an die "Genossen" und ihr Koaltionspartner (CDU), wie sie abzustimmen haben.
LG
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Drei Ergänzungen zum Denkort-Konzept

#10 von Reinhard , 27.12.2013 18:20

Drei Ergänzungen zum Denkort-Konzept

Wenn man den Bürgerantrag „NS-Gedenk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“, dessen Inhalt bisher erst wenig diskutiert wurde, auf seinen Kern reduziert, stellt man fest, dass er einerseits auf der bisherigen Konzeption für einen Denkort aufbaut, andererseits jedoch drei neue Komponenten ergänzt.

Die erste ist dabei der aktuelle Anlass des Vorschlags, der sich aus der möglicherweise absehbaren Neunutzung des Tanklagergebietes ergibt. Dabei wird inzwischen bekanntlich bereits ein vollständiger Rückbau bzw. eine Umnutzung der alten Tankanlagen gefordert. In dieser Situation macht der Antrag auf eine einmalige Chance aufmerksam, die sich aus der Geographie ergibt. In Rekum und Farge befinden sich in enger räumlicher Nachbarschaft zwei Monumentalbauten der nationalsozialistischen Kriegsarchitektur, die einen wohl einmaligen Einblick in die Zeit der Kriegsvorbereitung und des „Totalen Krieges“ erlauben. Es wird daher als wünschenswert angesehen, einen kleinen Teil des Tanklager Farges für diesen musealen Zweck zu erhalten und zu erschließen. Aufgrund der Nähe und ähnlichen Funktion bietet sich dabei eine Zusammenfassung zu einem Gedenk- und Informationsbereich an.

Da die martialischen Gebäude allein aufgrund ihrer Existenz in einer eher ländlichen Wiesen- und Heidelandschaft bereits Fragen nach dem Sinn und Zweck und damit auch nach den Motiven und Entstehungsbedingungen aufwerfen, wird in einer zweite Anregung eine Ergänzung der Gebäude durch Ausstellungen über die Entstehung und das Leben im nationalsozialistischen Deutschland gesehen. Es müsste also nicht nur die Geschichte des Bunker Valentins und des Tanklagers Farge dokumentiert werden. Vilemehr sollen zusätzlich historische, wirtschaftliche, soziologische und psychologische Hintergründe des NS-Regimes beleuchtet und damit die Umwandlung der Weimarer Republik in ein totalitäres Regime mit einer menschenverachtenden Weltanschauung erklärt werden.

Der dritte zusätzliche Gesichtspunkt besteht in einer stärkeren Orientierung auf Besucher, die das Denk- und Informationszentrum als touristisches Ziel betrachten und nutzen. Dabei ist keineswegs an einen Erlebnispark gedacht. Es sollte jedoch nach Nischen in der bestehenden Landschaft von Museen zum Dritten Reich gesucht werden, die sich ausfüllen lassen und damit gezielt Besuchergruppen ansprechen können.


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RE: Drei Ergänzungen zum Denkort-Konzept

#11 von Lola , 29.12.2013 06:45

Für Bremen würde sich mit dem Rückbau des Tanklagers eine große Chance bieten, wenn das ganze Areal für die Bürger wieder frei zugänglich wäre, nachdem es saniert wurde. Spezialisten können sicherlich herausfinden ob es machbar und finanziell erschwinglich ist, einen Tank zumTeil freizulegen, damit dieser Tank, zusammen mit dem Bunker Valentin einen Einblick in die Geschichte der NS-Zeit geben kann. Es wäre aus meiner Sicht ein schwerer Fehler, wenn man alles "dem Erdboden gleichmacht". Die Geschichte läßt sich nicht verändern und sind wir es nicht unseren nachfolgenden Generationen schuldig, zumindest einen Teil des Tanklagers als Denkort zu erhalten? Zum Denkort gehört auch eine absolute Transparenz mit allem was mit dem Tanklager und Bunker zu tun hat und zwar lückenlos, sofern das möglich ist, vom Entstehen bis in die heutige Zeit. Vieles haben Historiker ja auch schon herausgefunden, aber vielleicht gibt es noch mehr. Nur so, mit öffentlicher Transparenz, läßt sich die Ideologie des Nationalsozialismus und seiner Anhänger vielleicht recherchieren und Hintergründe klar erkennen lassen.

Als Bürgerin von Rönnebeck hoffe ich nur, dass Lobbyisten nicht schon ihre Hände nach dieser Liegenschaft ausgestreckt haben, aber bekanntlich wollen Lobbyisten nie so vie zahlen, dass es sich für den Verkäufer wirklich lohnen würde!

Außerdem sind die Bürger in Rönnebeck, Farge und Rekum inzwischen so sensibilisiert, dass man die Zukunft des Tanklagers im Focus hat.


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Weichenstellung

#12 von Reinhard , 16.01.2014 13:29

Weichenstellung

Wenn man das inzwischen veröffentlichte Protokoll der Blumenthaler Beiratssitzung vom 9. Dezember letzten Jahres liest, fällt auf, dass der Ortsamtsleiter beim Antrag zum „NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal" eine interessante Weichenstellung vorgenommen hat. Obwohl es angeblich für eine Beratung der Fraktionen zu wenig Zeit gab, ist es noch gelungen, den Antrag auf ein besonderes Gleis zu setzen, sodass möglicherweise nicht mehr jedes Ziel erreicht werden kann.

Nachdem Vertreter der Linken und der Grünen den Antrag „durchwinken“ wollten und die CDU um eine Diskussion mit einem Behördenvertreter in der Januar-Sitzung gebeten hatte, erfolgte wieder einmal – und das kann man nach den Erfahrungen in anderen Fällen wohl behaupten – eine Änderung des ursprünglichen Antrags. Dieser war (siehe oben) an den Kultursenator gerichtet. Das wurde jedoch durch einen Vorschlag des Stadtteilmanagers geändert, der „den Antrag an die Landeszentrale für politische Bildung weitergeben und zum Gesprächsgegenstand beim "Beirat vor Ort" machen wollte.“

Damit hatte er sich offenbar bereits bei der SPD-Fraktion durchgesetzt, von der nach dem Protokoll kein Vertreter das Wort zu diesem Thema ergriff. Die vom CDU-Vertreter angeregte Diskussion mit einem Behördenvertreter lehnte der Ortsamtsleiter mit einem Hinweis auf eine bereits „sehr volle“ Tagesordnung im Januar ab. Für diese vermutlich gewagte Prognose gab es offensichtlich in der Sitzung keine sachliche Absicherung, zumal bekanntlich viele Anträge und Anfragen relativ kurzfristig eingereicht werden.

Anschließend erfolgte laut Protokoll keine formelle Abstimmung. Vielmehr heißt es lapidar: „Es gibt keine weiteren Einwände.“

Bei diesem Verfahren kann muss man sich nicht nur fragen, ob es dem üblichen Verständnis einer Bürgerbeteiligung entspricht, wenn schriftliche Anträge zunächst verändert werden und dann mit einem Hinweis auf eine angebliche Zeitknappheit ohne formale Abstimmung rasch durchgesetzt werden.

Besonders bedenklich ist in diesem Fall vor allem der gewählte neue Adressat. Hier handelt es sich bekanntlich um eine Institution, die ein eigenes Denkort-Konzept vertritt, das sich vor allem auf den Bunker Valentin konzentriert. Man muss sich also fragen, ob dieses eigene Konzept nicht die Offenheit gegenüber anderen Vorstellungen vorab beeinflussen kann, und zwar ganz unabhängig von den vorgeschlagenen Erweiterungen.

Es kann also sein, dass die Weichen so gestellt wurden, dass der Zug nur im Kreis fährt und dort wieder ankommt, wo er am Denkort Bunker Valentin abgefahren ist. Der Grund dafür kann ganz einfach sein. Den Befragten ist dieses Ziel, mit dem sie vertraut und beruflich beschäftigt sind, wichtiger als möglicherweise spannende konkurrierende Haltepunkte in der Umgebung, für deren Erkundung vielleicht sogar das Interesse fehlt.

Ein U-Boot-Bunker ist schließlich etwas anderes als ein Tanklager, und eine Dokumentation des U-Boot-Baus nach tayloristischen oder auch fordianischen Prinzipien unterscheidet sich von einer stärker sozialpsychologischen, politologischen, soziologischen und wirtschaftshistorischen Aufarbeitung des NS-Staats.

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Computerzahlen lügen nicht

#13 von Reinhard , 18.01.2014 11:03

Computerzahlen lügen nicht

Inzwischen hat es für Leser, die sich für die Beantwortung von Bürgeranträgen im Blumenthaler Beirat interessieren, eine kleine Überraschung gegeben. Zu dem am 5. Dezember gestellten und am 9.12. im Beirat behandelte Bürgerantrag „NS-Denk- und Informationszentrum Bremen-Blumenthal“ liegt bereits eine vom 9. Januar 2014 datierte ausführliche Stellungnahme vor, die auf der Seite der Ortsamtes abgerufen werden kann.

Bevor hier auf den Inhalt eingegangen werden soll, können einige objektiv ermittelte Zahlen mehr sagen als viele Worte.

Wenn man diese Stellungnahme des Landesamtes für politische Bildung mit der Antwort vergleicht, die das Umweltressort auf eine Frage zu den offiziell erhobenen Immobilienpreisen in Farge und Rönnebeck vor einem Jahr gegeben hat, fällt sofort die unterschiedliche Länge auf. Während es jetzt nach einer Computerzählung 1.190 Wörter auf 5 Seiten sind, brauchte die Umweltbehörde nur 17 Wörter für die Darstellung ihrer Position.

Ist dieser Unterschied bereits sehr eindrucksvoll, gilt dasselbe auch für die Bearbeitungszeit, für die nach dem Ortsbeirätegesetz in Bremen ca. sechs Wochen vorgesehen sind. Während die Umweltbehörde ihre „umfangreiche“ Stellungnahme zu dem am 12.12.2012 im Beirat behandelten Antrag "Fragen zur Umweltbelastung durch das Tanklager Farge" bis zum 8.2.2013 erarbeiten musste, vergingen bei der Landeszentrale trotz der Weihnachts- und Neujahrspause nur vier Wochen. Damit konnte das Blumenthaler Ortsamt die gesetzte Frist für eine schriftliche Stellungsnahme zum Bürgerantrag gut einhalten, während das aufgrund der Bearbeitungsdauer beim Umweltamt gar nicht möglich war.

Da kann man nach den Ursachen für diese überraschenden Unterschiede fragen, da die längere Antwort weniger Zeit als die sehr kurze erfordert hat?

Liegt es am Stellenwert, den die Behörden der Bürgerbeteiligung zumessen?

Oder ist es die Folge einer Petition, die auf die Missstände bei der Beantwortung von Bürgeranträgen hingewiesen hat?

Wenn man eine gleichzeitig auf der Seite des Ortsamtes veröffentlichte Stellungnahme der Umweltbehörde liest, scheint es vor allem die unterschiedliche Wertschätzung der Bürgerbeteiligung zu sein.

Einige harte Zählergebnisse, die der Computer für den Text der Landeszentrale ermittelt hat, sagen bereits einiges über die inhaltliche Ausrichtung der Stellungnahme. In der Antwort auf einen Bürgerantrag, dessen zentraler neuer Gesichtspunkt die Einbeziehung des Tanklagers Farge ist, wird diese NS-Hinterlassenschaft nur zweimal erwähnt, der Bunker Valentin bringt es hingegen auf zehn Nennungen.

Die im Posting weiter oben erwartete Weichenstellung scheint also erfolgreich gewesen zu sein. Dreh- und Angelpunkt ist die U-Boot-Werft.

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Hitlers U-Boot-Bunker

#14 von Reinhard , 10.02.2014 09:24

Hitlers U-Boot-Bunker

Heute Nacht ist es so weit. Dann sendet zwischen 23.40 Uhr und 0.25 Uhr die ARD den Film über das „Rüstungsvorhaben Nummer Eins im Dritten Reich“, den Bunker Valentin in Rekum. Als anscheinend nicht ganz unumstrittenen Titel hat man „Hitlers U-Boot-Bunker“ gewählt.

Wer den Film vor Mitternacht verpassen sollte, hat gleich anschließend noch einmal eine Chance. Eine Wiederholung beginnt um 3.35 Uhr.


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zuletzt bearbeitet 10.02.2014 | Top

RE: Hitlers U-Boot-Bunker

#15 von Reinhard , 11.02.2014 14:45

Für alle, die sich für technische Fragen der U-Boot-Montage in einem einmaligen Bunker, für das Martyrium von Zwangsarbeitern, für das angebliche Unwissen der Anwohner und sogar auch des offiziellen Bremen in der Nachkriegszeit und die für die aktuellen Biotope auf und in der Ruine interessieren, war es sicherlich ein sehr informativer Bericht.

Unbekannt waren vermutlich bei vielen Zuschauern auch die offiziellen Filmaufnahmen aus der Nazi-Zeit.

Für Nord-Bremer hielt Radio Bremen sogar eine kleine Merkwürdigkeit parat, denn der Bunker wurde in den Ortsteil Farge verlegt. In der Kernstadt scheint der Norden auch Jahrzehnte nach dem Anschluss noch ein recht unbekanntes Land zu sein.

Aber man muss davon ja nicht auf andere Recherchen schließen, die sich schlechter überprüfen lassen!

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Burg Blomendal (Quelle: wikipedia)
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