Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

Modellvorhaben "Roma-Integration"

#1 von Reinhard , 28.08.2013 10:22

Endlich!

Nachdem Herr Brandt in der Norddeutschen die „Schläfrigkeit“ der zuständigen Stellen bei der Lösung der drängenden Probleme Blumenthals angeprangert hatte, erfolgte jetzt eine erste Bürgerreaktion auf die praktische Folgenlosigkeit der Sitzungen diverser Gremien.

Dabei wird in diesem Bürgerantrag ein neuer Aspekt für die Situation an der George-Albrecht-Str. angesprochen. Das kann von Vorteil sein, da sich hier die senatorischen Behörden Bremens in einem neurotischen Clinch zu befinden scheinen. So diskutiert man seit Beginn dieses Jahres über inhaltlich so zentrale Themen wie die Fragen, ob der Bereich ein WiN-Gebiet, ein Mini-WiN-Gebiet oder gar kein WiN-Gebiet werden kann oder soll, wie man ein mögliches WiN-Gebiet abgrenzen könnte oder ob man hier erst ein Konzept und dann einen Quartiersmanager und einen Quartierstreff bestimmen muss oder besser in einer anderen Reihenfolge vorgehen sollte.

Zwischendurch erhält die Presse ständig neue Hinweise auf die mehr oder weniger gesicherte Finanzierung der einen oder anderen möglichen Maßnahme.

Bei diesem Zugang kann es nicht überraschen, wenn jetzt angeblich frühestens am Ende des Jahres ein Quartiersmanager sein Amt antreten kann, also über ein Jahr nach einem entsprechenden Beschluss der Bürgerschaft.

Bei diesem Wirrwarr, der bestenfalls Aktionismus vortäuscht, ohne dadurch jedoch eine große Portion Ratlosigkeit zu verbergen, kann der Antrag möglicherweise diese alten Denkstrukturen verändern, die bisher zu keinen konkreten Ergebnissen geführt haben.

Doch warum geht es konkret? Hier daher der Wortlaut des Antrags:


Modellvorhaben „Roma-Integration in Blumenthal“



Sehr geehrte Damen und Herren im Beirat,

der soziale Brennpunkt an der George-Albrecht-Straße hat nicht nur das Image Blumenthals erheblich belastet, sondern wirkt sich negativ auf die Wohnqualität und damit die Immobilienpreise in den angrenzenden Quartieren aus. Auch droht die Gefahr, dass durch die bestehende Ghettosituation sogar den Kindern der dort lebenden Familien der Start in eine bessere Zukunft verbaut wird. Daher sollte hier die Politik nicht weiter mit dem Begriff „Schläfrigkeit“ gekennzeichnet werden müssen, sondern offensiv vorgehen und rasch konkrete Konzepte entwickeln und umsetzen.

Da etwa zwei Drittel der Einwohner im Baublock an der George-Albrecht-Straße Roma sind, wie auf der Sitzung des Blumenthaler Sozialausschusses im März dieses Jahres bekannt wurde, könnte Blumenthal durch ein Modellprojekt, das vorrangig auf diese ethnische Minderheit zielt, spezielle Mittel einwerben und beispielgebend wirken. Das gilt vor allem im Hinblick auf die ab dem kommenden Jahr erwartete stärkere Zuwanderung von Roma aus Bulgarien und Rumänien, wenn die letzten Einschränkungen der Freizügigkeit im EU-Raum fallen.

Der Beirat möge daher die zuständigen Bremer Behörden um die Beantwortung folgender Fragen bitten:

1. Hat sich der Lenkungskreis Zentrumsentwicklung Blumenthal mit der Möglichkeit beschäftigt, für die besondere soziale und ethnische Problemsituation im Bereich der George-Albrecht-Straße alternativ zum üblichen WiN-Programm ein spezielles Modell für die Roma-Integration zu entwickeln?

2. Hat sich die Sozialbehörde mit der Frage beschäftigt, ob im Rahmen der von der EU erklärten „Roma-Dekade“ aus verschiedenen Förderprogrammen der EU oder von privaten Stiftungen (z.B. Freudenberg Stiftung, Open Society Foundations) Mittel eingeworben werden können, durch die eine Finanzierung eines Projektes zur Inklusion der Roma in Blumenthal unabhängig von der Bremer Haushaltslage möglich wird?


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08/15 reicht nicht immer!

#2 von Reinhard , 29.08.2013 12:37

08/15 reicht nicht immer!

Bisher scheinen die senatorischen Behörden nur einen Lösungsweg für die Probleme des sozialen Brennpunktes zu kennen. Sie wollen dort einen Quartiersmanager einsetzen, ohne sich über dessen konkrete Tätigkeiten anscheinend genauere Gedanken gemacht zu haben, und den Bereich um die George-Albrecht-Straße möglicherweise zu einer Art von WiN-Gebiet erklären.

Diese typische Bremer Form der sozialen Städtebauförderung werden damit offenbar außergewöhnliche Wirkungen zugeschrieben, wenn man einmal darauf sieht, in welchem Zusammenhang das WiN-Programm mit seinem Quartiersmangement, seinem WiN-Forum und seinen Einzelprojekten entstanden ist.

Auslöser waren die Großsiedlungen wie Grohner Düne, Neue Vahr und Tenever mit ihren Wohnungsleerständen und Mietern aus an die 100 Herkunftsländern, die sich in einer neuen, teilweise infrastrukturell erst schlecht ausgestatteten Wohnumgebung zurechtfinden mussten. Später wurde das Programm dann auch auf andere Quartiere ausgeweitet, in denen relativ viele Bezieher von Transferleistungen leben. Hierzu zählen vor allem die Gröpelinger Ortsteile.

Die aktuelle Situation an der George-Albecht-Straße weist hingegen deutliche Unterschiede auf. Und das gilt nicht nur für die Größe, auf die von der Bau- und der Sozialbehörde immer verwiesen wird.

Auch wenn bisher kaum repräsentative Daten für diesen sozialen Brennpunkt in Blumenthal vorliegen, lassen sich bereits einige Abweichungen erkennen, die eine Übertragung der Erfahrungen aus den übrigen WiN-Gebieten infrage stellen.

So lebt an der George-Albrecht-Straße ein großer Anteil „geduldeter“ Ausländer, wohnen hier mit den Roma und Mhallamiye zwei ethnische Gruppen, die ihre eigene Identität bewahren wollen, bilden sich dadurch mit den ebenfalls in dem Gebiet lebenden Deutschen drei Gruppen mit festen Konturen und einem Konfliktpotenzial heraus, dürften relativ viele Einwohner Analphabeten sein und auch einer Schulbildung für ihre Kinder skeptisch gegenüberstehen, haben sich zumindest bei den Roma eher misstrauische Haltungen gegenüber staatlichen und vor allem polizeilichen Institutionen herausgebildet usw.

Bei diesen Ausgangsbedingungen muss man sich fragen, ob angesichts dieser Aufgaben ein Quartiersmanager ohne größeres Budget, der wie in anderen WiN-Gebieten vor allem über kommunikative Fähigkeiten verfügt und in der Lage ist, bestehende Angebote zu vernetzen, nicht prinzipiell überfordert ist, da von ihm noch die Lösung ganz anderer Aufgaben erwartet wird, für deren Bewältigung man ihm keine finanziellen Mittel zubilligt.

Noch schwieriger dürfte bei den Vorgaben die Durchführung von WiN-Foren sein, wenn ein großer Teil der Bewohner nicht über die notwendigen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten verfügt und sich leicht ethnische Konfliktlinien herausbilden können.

Eine einfache Übertragung des bisherigen WiN-Konzepts muss daher mit vielen Fragezeichen versehen werden. Da dürfte es sinnvoll sein, für die ganz spezifische Situation an der George-Albecht-Straße nach Maßnahmen zu suchen, die auf die dortige Problemstruktur zugeschnitten sind.


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RE: 08/15 reicht nicht immer!

#3 von Lola , 31.08.2013 19:45

http://www.freudenbergstiftung.de/files/freudenberg_25.pdf

Zum 25-jährigen Bestehen der Freudenberg-Stiftung wurde im Jahr 2009 die Broschüre, die man mit o.a. Link aufrufen kann, herausgegeben.

Zitat
Integrationsgesellschaft heißt das programmatische Stichwort, dem wir
die Projekte zuordnen, die früher mit Migration und Integration über-
schrieben waren. Dahinter steckt die Vorstellung, dass es nicht nur von
den Einstellungen der Eingewanderten abhängt, ob sie sich integrieren,
sondern ebenso von der Offenheit der Gesellschaft ihnen gegenüber. Es
geht darum, Barrieren beiseite zu räumen, die die Wege in die Gesell-
schaft, zu einem erfolgreichen Schulabschluss und in Arbeit und Beruf
versperren oder schwer machen.
Zum Aufbau dieser Barrieren tragen gewiss auch die Einwandernden
selbst bei, alle Erfahrungen aber zeigen, dass sie dies weniger tun, wenn
die Gesellschaft sie nicht ausgrenzt, sondern ihre Eingliederung will und
fördert. Die Schülerinnen und Schüler eines „Lernen durch Engage-
ment“-Projekts haben sich zum Ziel gesetzt, sich für ein „integratives
Freiburg“ zu engagieren. Dies ist genau, was die Stiftung tun möchte,
an welchen Orten auch immer sie tätig wird.

..es heißt weiter:
Es ist inzwischen eine auch
politisch akzeptierte Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungs-
land geworden ist, in dem ein Drittel aller Bewohner einen Migrations-
hintergrund hat. In den großen Städten der westdeutschen Länder liegt
die Zahl der Schulanfängerinnen und -anfänger aus Familien nicht-deut-
scher Muttersprache bereits bei über 50 %. Deren schulische und be-
rufliche Integration kann daher keine Aufgabe unter anderen sein, son-
dern muss ein zentrales Ziel der Gesellschaft werden. Dies ist zwar der
breiten Öffentlichkeit noch nicht bewusst, aber wir stoßen nicht mehr,
wie noch vor fünf Jahren, auf eine defensive politische Landschaft. Zwei
Jahrzehnte war unser Thema Migration/Integration ein Randthema. Das
ist es nicht mehr. Die Folgerung daraus ist aber, dass ein Ansatz, der zu
erreichen versucht, einzelne Kinder in der Schule besser zu fördern und
besser mit dem bestehenden Schulsystem zurecht zu kommen, nicht
ausreicht. Die Aufgabe der Zukunft wird es sein, ein System der Förde-
rung zu entwickeln, das den Kindern besser gerecht wird. Man wird al-
so nicht nur inden Bildungseinrichtungen arbeiten müssen, sondern auch an ihnen.
Zitat Ende

Wenn auch die Zahlen der breiten Öffentlichkeit noch nicht bewußt sind, so sollten die Behörden in Bremen mittlerweile aber davon Kenntnis haben. Der Brennpunkt George-Albrecht-Straße besteht offenbar schon seit etwa 10 Jahren? Man hat dem unteren Teil der Straße einen anderen Namen gegeben, sonst ist bezüglich der eigentlichen Probleme nichts geschehen.
Man kann nicht nur immer davon reden, dass die Menschen sich integrieren müssen. Nein, die hier lebende Gesellschaft muss die Fähigkeit besitzen und bereit sein, dass diese Menschen sich überhaupt integrieren können.
Hier ist genau das Gegenteil passiert, nämlich Ausgrenzung. Leider wurde von den Behörden versäumt ein Konzept zu entwickeln, dass den Menschen die Möglichkeit gegeben wird erst einmal die Sprache zu erlernen, bevor sich eine Leere durch sprachlosigkeit einstellt. Die Gesellschaft hat die Folgen der Ausgrenzung zu spüren bekommen, denn es hat sich bei den heranwachsenden Kindern eine ohnmächtige Wut eben auf diese Gesellschaft entwickelt.
Die Schläfrigkeit der Behörden sollte nach so vielen Jahren ein Ende haben.


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RE: 08/15 reicht nicht immer!

#4 von Lola , 31.08.2013 20:11

http://en.wikipedia.org/wiki/Open_Society_Foundations

.. wer Interesse hat, kann sich auch hiermit einmal beschäftigen.

Das Netzwerk der Open Society Foundations (OSF), früher das Open Society Institute (OSI) bis zum Jahr 2011, ist ein Betrieb der von George Soros gegründet wurde. Das Ziel dieser Organisation ist die öffentliche Ordnung , wie demokratische Regierungsführung, Menschenrechte und wirtschaftliche, rechtliche und soziale Förderung zu reformieren. Auf lokaler Ebene implementiert OSF eine Reihe von Initiativen, um die Rechtsstaatlichkeit, Bildung, öffentliche Gesundheit und unabhängige Medien zu unterstützen. Gleichzeitig baut OSF, Allianzen über Grenzen und Kontinente, zu Themen wie die Bekämpfung der Korruption und Menschenrechtsverletzungen.


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RE: 08/15 reicht nicht immer!

#5 von Lola , 01.09.2013 09:13

Zur Freudenberg-Stiftung
---------

Kommunalpolitik ist wichtig und die Beiräte sind ein wichtiges Organ, denn sie sind vor Ort und sollten "ihr Ohr an der Bevölkerung haben" und darum würde ich es gut finden, wenn die Kommunalpolitiker sich die Zeit nehmen würden um z.B. die Broschüre der Freudenberg-Stiftung zu lesen. Vielleicht fällt es nach dem Lesen der Broschüre leichter dem Bürgerantrag die Zustimmung zu geben, damit die Behörde sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Bremen ist notorisch "klamm bei Kasse", aber hier werden Wege aufgezeigt, dass es Stiftungen gibt die Kommunen bei langfristigen Projekten unterstützen.

Kommunen und Behördenmitarbeiter müssen sich nur mal mit dem Thema Stiftungen beschäftigen.

Ich könnte mir vorstellen, dass eine Arbeit viel mehr Freude bereitet wenn man sich mit dem Thema ernsthaft und gezielt auseinandersetzt, anstatt als Sachbearbeiter immer nur von Problemen überrollt zu werden.
Nur ein kreativer und motivierter Sachbearbeiter/Verwaltung kann dem "Brennpunkt George-Albrecht-Straße" und den dort lebenden Menschen eine Zukunft geben.


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RE: 08/15 reicht nicht immer!

#6 von Lola , 01.09.2013 14:32

http://www.blumenthal-zeitung.blogspot.de/


Wer gewinnt mit WiN?
Hintergründiges zur sozialen Beseitigung von Planungssünden des Bremer Städtebaus

Es geht in dem o.a. Link um das Thema von den Bremer Großsiedlungen zum WiN-Konzept.
Der Autor hat eine aufwändige Analyse zu diesem Thema gemacht und hat dazu auch ein erklärendes Schlußwort geschrieben.

Auf keinen Fall fehlt hier Blumenthal und die George-Albrecht-Straße.

Wer sich mit dem WiN-Konzept beschäftigt und wissen möchte was der Aufgabenbereich des Quartiersmanagers beinhaltet, kann sich im Blog informieren.
Nur wer liest ist klar im Vorteil :-)


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RE: 08/15 reicht nicht immer!

#7 von Klueverbaum , 01.09.2013 18:13

Zitat von Lola im Beitrag #5
Zur Freudenberg-Stiftung


Kommunen und Behördenmitarbeiter müssen sich nur mal mit dem Thema Stiftungen beschäftigen.




Es gibt doch in Blumenthal diese ominöse Bürgerstiftung?

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Die Münchhausen-Falle

#8 von Reinhard , 03.09.2013 14:40

Die Münchhausen-Falle

Zu den bekanntesten Erzählungen, die dem Lügenbaron Münchhausen zu geschrieben werden, gehört die Schilderung seiner Rettung aus einem Sumpfgebiet. Das will der große Fabulierer allein durch seine eigenen Fähigkeiten geschafft haben, indem es ihm dank der Stärke seines Armes gelungen ist, sich am „eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herauszuziehen“.

Diese Fixierung auf die eigenen Kräfte hat in der Realität nicht immer diesen Erfolg wie in der Lügengeschichte, ja, Psychologen und Unternehmensberater sehen sie eher kritisch, da ihnen gefährliche Nachteile nicht entgangen sind, wenn man mögliche Leistungen der Umwelt nicht zur Kenntnis nehmen will.

Auch wenn man zunächst kaum einen Zusammenhang vermuten wird, kann diese Münchhausen-Erzählung einen hilfreichen Ausgangspunkt liefern, der auf die aktuelle Situation an der George-Albrecht-Straße ein schärferes Licht wirft.

Nach den bisherigen Erfahrungen, die man aus den Erklärungen ableiten muss, die die Bremer Sozialpolitiker und die Mitarbeiter der Sozialbehörde seit dem Ende des letzen Jahres zur George-Albrecht-Straße abgegeben haben, besteht hier die Gefahr, dass sie sich ausschließlich am Bremer WiN-Projekt orientieren. Dabei scheint diese verengte Sicht sogar noch weiter zu gehen, wenn sie jetzt auch für das Quartier an und um die George-Albrecht-Straße ein Integriertes Handlungskonzept in Auftrag geben und dabei ohne Ausschreibung offenbar nur an Stadtplanungsbüro denken, das diesen Auftrag erledigen kann.

Hier will man sich also ausschließlich auf die eigene bisherige Routine verlassen, ohne dass man andere Lösungsansätze in Erwägung zieht. Das ist besonders problematisch, da eine Evaluation für das heiß geliebte WiN-Programm schon lange nicht mehr erfolgte und es zwischen den Schwierigkeiten in Großwohnprojekten und der Ghettosituation an der George-Albrecht-Straße deutliche Unterschiede gibt.

Daher kann der Bürgerantrag dafür sorgen, dass diese problematische Fixierung der Sozialbehörde auf eine sehr verengte Problembearbeitung klarer gesehen wird und die Entscheidungsträger erkennen, dass es in der Regel von Nachteil ist, wenn man sich zu sehr auf sich selbst konzentriert. Das ist zumindest eine schmerzliche Erfahrung, die in der Wirtschaft viele Unternehmen machen mussten, die sich zu wenig darum gekümmert haben, welche neuen Entwicklungen in der Welt um sie herum erfolgten. In diesen Fällen haben sie an Boden gegenüber dem Wettbewerb verloren und sind, wie man zuletzt etwa beim Versandhaus Quelle feststellen musste, insolvent geworden.

Dieses harte Schicksal wird aus den bekannten Gründen zwar weder Bremen noch die Sozialbehörde treffen. Jedoch werden andere die Zeche zu zahlen haben, wenn die Maßnahmen für die George-Albrecht-Straße weiter in dieser Münchhausen-Falle stecken bleiben. Würde man seinen Blickwinkel erweitern, wie es der Bürgerantrag in Frageform vorschlägt, könnte man vermutlich sowohl die Lebenssituation der Roma-Familien und vor allem ihrer Kinder rascher verbessern und die Entwicklung Blumenthals von einer schweren Belastung leichter befreien.

Erforderlich wäre es nur, dass sich die Sozialbehörde nicht eine eigene Lügengeschichte von ihren Fähigkeiten strickt und ihre Planungen unbedingt im eigenen Saft schmoren lassen will, sondern einmal den Blick über die Grenzen ihrer kleinen Welt aus senatorischen Behörden und dem Stadtplanungsbüro proloco mit einem Team aus zwei Diplomingenieuren und einer Hebamme schweifen lässt.

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Eigene Blumenthaler Stärken nutzen!

#9 von Reinhard , 05.09.2013 15:37

Eigene Blumenthaler Stärken nutzen!

Vor ein paar Tagen hat Klueverbaum in diesem Thread mit dem Stichwort „Bürgerstiftung“ darauf hingewiesen, dass auch Blumenthal selbst über Ressourcen für die Entschärfung des sozialen Brennpunktes im Bereich der George-Albrecht-Straße verfügt. Der Stadtteil ist also nicht völlig von dem Wohlwollen der Bremer Behörden abhängig, sondern kann auch selbst einen Beitrag leisten. Dazu dürfte vor allem eine Koordination der vorhandenen Kräfte wichtig sein, wie sie beispielsweise entweder das Ortsamt oder die Bürgerstiftung leisten können.

Ansätze dazu findet man auf der Webseite des Ortsamtes, wo Anfang Januar dieses Jahres „das bestehende soziale Netzwerk“ Arbeitskreis Blumenthal in einer „Erklärung zu der Gesamtsituation in Bremen - Blumenthal und zur George-Albrecht-Straße“ vor einer „oftmals unreflektierten“ und „ohne konkrete Kenntnisse der Situation vor Ort“ erfolgten Thematisierung der Problemlage gewarnt hat. Einen Lösungsweg sehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Arbeitskreises in einer Veränderung der Situation durch „konkrete und grundlegende bildungspolitische, sozialpolitische und innenpolitische Lösungskonzepte“. Dazu zählen auch Maßnahmen, die für WiN-Projekte untypisch sind, sondern „Kompetenz, Beratung und Hilfestellung vor Ort“ bieten, was zwangsläufig den zumindest zeitweiligen Einsatz qualifizierter Fachkräfte erfordert, die die Leistungen eines Quartiersmanagers ergänzen müssen.

Vor dem Hintergrund dieser Ausrichtung mit dem entsprechenden Finanzbedarf schlägt der Arbeitskreis „eine Bündelung von Fördergeldern (z.B. WIN, Stopp der Jugendkriminalität, EUFördermittel etc.) vor.

Um diesen Ansatz weiterverfolgen zu können, würde die Annahme des Bürgerantrags „Modellversuch Roma-Integrtion“ eine gute Grundlage schaffen, da Blumenthal auf diese Weise konkret erfahren würde, ob diese Anregungen bereits von den senatorischen Behörden aufgegriffen wurden.

Falls das nicht der Fall sein sollte, könnten Mitglieder des Arbeitskreises - möglicherweise unterstützt durch Mittel der Bürgerstiftung, um in geringem Maße fremde Fachkompetenz einsetzen zu können - das eigene Konzept so weit entwickeln und konkretisieren, dass sich ein Antrag an eine Stiftung oder einen EU-Fördertopf formulieren lässt.

Der Bürgerantrag ist also ein erster Schritt, damit Blumenthal sein Schicksal und das seiner vernachlässigten Bewohner und ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen kann, nachdem sich die senatorischen Behörden durch ihre Flüchtlingspolitik zwar am Entstehen des sozialen Brennpunktes beteiligt haben, danach aber bisher keinen Weg finden konnten, um diese Belastung für das Image und die weitere Entwicklung Blumenthals wieder abzubauen.

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Wofür zusätzliches Geld?

#10 von Reinhard , 08.09.2013 09:04

Wofür zusätzliches Geld?

Bemühungen um eine stärkere Integration einer größeren Roma-Bevölkerung, wie sie im Bereich der George-Albrecht-Straße lebt, können auf verschiedenen Wegen zu Erfolgen führen. Dabei sollten kritische Politiker und Anwohner immer berücksichtigen, dass sich ein Ghetto-Problem in Blumenthal, das die Entwicklung des gesamten Orts- und Stadtteils berührt, nicht durch Missachtung von selbst lösen wird. Man kann nur eine gezielte Entschärfung versuchen und wird später für ein weiteres Anwachsen der Problemsituation verantwortlich sein. An dieser Tatsache werden auch keine „Steuersparmodelle“, „Zuwanderungsbegrenzungen“ oder die Kritik an politischen Entscheidungen in der Vergangenheit etwas ändern.

Wie die bisherige Entwicklung in Blumenthal, aber auch die in ähnlichen Quartieren anderer Städte belegen, lässt sich die Integration der Roma nicht nach einem simplen Schema erreichen, sondern erfordern einen gezielten Maßnahmeneinsatz, der auch mit Kosten verbunden sein kann, die die üblichen Mittel übersteigen, wie sie etwa dem Bildungs- und Kulturressorts für derartige Zwecke zur Verfügung stehen.

Man benötigt daher zusätzliche Finanzquellen, die in der Regel est sprudeln, wenn man sinnvolle Konzepte vorlegen kann. Zwei Beispiele sollen hier einmal zeigen, was gemeint ist und wofür man ganz konkret einige Gelder benötigt.

Die Integration der Roma ist nach allen bisherigen Erfahrungen ein hartes Stück Arbeit. Gründe sind vor allem die bestehende Distanz zwischen den Roma und der Mehrheitsbevölkerung sowie einige Verhaltensmuster der Roma, die nicht in jedem Fall den geltenden Gesetzen entsprechen. Das gilt beispielsweise für die Schulpflicht.

Um hier die notwendigen Schwellen abzubauen, ist ein besseres gegenseitiges Kennenlernen erforderlich, durch das beide Seiten die Sicht verstehen lernen. Auch erfordert der Abbau von Misstrauen die Wahrnehmung von gegenseitiger Achtung und

Ein relativ erfolgreicher Weg zu den Roma scheint dabei über das Ohr und den Gaumen der deutschen Mitbürger zu laufen, da die Musik und die Speisen der Roma nicht so durch Vorurteile belastet sind wie andere Teile ihrer Kultur. Ein entsprechendes offenes Begegnungsfest mit einem attraktiven Musikprogramm kann daher erste Brücken bauen.

Ein solches Kennenlernen bei Musik und Speisen kann bessere Voraussetzungen für ein weiteres Projekt schaffen, das international unter dem Titel „A Good Start – Early Education and Care“ eine sehr intensive Bildungswerbung bei den Kindern zwischen 0 bis 6 Jahren betreibt und dabei ihre Mütter einbezieht.

Ziele dieses Projektes sind der häufigere und regelmäßigere Kindergartenbesuch und vor allem eine Einstellungsänderung bei den Eltern, die nicht nur die Schule, sondern auch den Kindergarten als wichtig für das spätere Leben ihrer Kinder anerkennen sollen.

Es werden also einige Mittel benötigt, damit die Roma-Integration und das Leben der Roma-Kinder einen guten Start in Blumenthal bekommen. Dazu kann möglicherweise die Bürgerstiftung beitragen, wenn sie dank ihrer Kontakte zu anderen Bürgerstiftungen zusätzliche Finanzquellen erschließen kann.

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RE: Bürgerantrag "Roma-Integration in Blumenthal

#11 von fight4yrights , 09.09.2013 21:53

Es ist heute entschieden worden, diesen Antrag zu verschieben, bis es für das Gebiet eine (N) QuartiersmanagerIN gibt.
(Modellvorhaben „Roma-Integration in Blumenthal“)


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zuletzt bearbeitet 09.09.2013 | Top

"Unlösbare“ Aufgabe?

#12 von Reinhard , 30.09.2013 10:26

"Unlösbare“ Aufgabe?

Einige Aspekte der Roma-Problematik werden in der Diskussion deutlich, die gegenwärtig in Frankreich geführt wird. Dort will der sozialistische Innenminister Manuel Valls Roma in ihre Heimatländer abschieben, weil sie „weder integrationswillig seien noch zur französischen Kultur passten“.

Diese Position wirft zwangsläufig eine Reihe humanitärer und rechtlicher Fragen auf. Hier interessiert jedoch die angesprochene Schwierigkeit einer Integration, die auch von der Seite der Sinti und Roma eingeräumt wird. Da das EU-Recht in vielen Fällen eine Aufnahme verlangt, stellt die „unlösbare“ Integration eine große Herausforderung dar.

Der Blumenthaler Beirat und die Bremer Sozialbehörde dürften daher gut beraten sein, wenn sie die Situation an der George-Albrecht-Straße nicht wie in einem x-beliebigen WiN-Gebiet in den Griff bekommen wollen, sondern möglichst schnell neue Wege erproben würden, wie das in einem Modellversuch mit extern eingeworbenen Mitteln möglich ist.

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Beiratslogik

#13 von Reinhard , 02.10.2013 08:35

Beiratslogik

Viele Politiker im Blumenthaler Beirat scheinen in einigen Verhaltensweisen ihren nationalen Berufskollegen nicht nachzustehen, wie wir sie häufig in den abendlichen Polittalkshows erleben. Das gilt zumindest für die nicht immer ganz nachvollziehbare Entsprechung zwischen den gestellten Frage und den „Antworten“, wenn die Politiker das erklären, was sie zu der Thematik gerade vorbereitet hatten. Diesen Eindruck kann man zumindest gewinnen, wenn man die erste veröffentlichte Darstellung der Beschlusslage zum Bürgerantrag „Modellvorhaben Roma-Integration“ liest.

Danach wurde dieser Antrag „zurückgestellt“ und soll erst beschieden werden, „wenn der neue Quartiersmanager für die George-Albrecht-Straße da ist.

Diese Begründung erscheint plausibel, wenn der Beirat zunächst eine sachverständige Stellungnahme in einer Frage einholen will, für die er ein spezielles Fachwissen benötigt. Das könnte etwa die Entscheidung darüber sein, ob das übliche WiN-Instrumentarium für die Lösung der Probleme an der George-Albrecht-Straße ausreichend ist oder nicht.

Nur ist das gerade nicht die Frage des Bürgerantrags, über die zu entscheiden war. Wie hier im Thread als erstes Posting nachzulesen ist, ging es ausschließlich um die bisherigen Aktivitäten des Lenkungskreises Zentrumsentwicklung Blumenthal und der Sozialbehörde. Darüber dürfte ein Quartiersmanager, wenn es ihn denn einmal geben wird, kaum die geeignete Auskunftsperson sein.

Die angesprochene Möglichkeit eines Programms für Roma war zwar sicherlich von der Antragstellerin nicht als rein akademische Frage gedacht, da sie nicht auf der Ebene liegt, ob man nun sprachlich korrekt von Roma, Sinti oder Sinti und Roma sprechen muss. Wie die spätere Diskussion hier im Thread zeigt, gibt es eine Reihe von sachlichen Gründen für eine erweiterte und zieladäquatere Ausrichtung der vorgesehenen Maßnahmen.

Das war daher vermutlich bereits eine Motivation für den Bürgerantrag, aber nicht der Bürgerantrag.

Was ist jetzt der Effekt der Beiratsentschediung? Dem Lenkungskreis und der Sozialbehörde bleiben (vorerst) Fragen erspart und sie können damit ungestört ihre Politik des praktischen Nichtstuns fortsetzen, wenn man einmal die Ankündigungen mit dem tatsächlichen Handeln vergleicht.

War es etwa die Absicht des Beirats, diese Vorgehensweise an diesem sozialen Brennpunkt zu unterstützten? Wenn das so ist, dürfte es dem Beirat durch seine Entscheidung gut gelungen zu sein.

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Grünes Licht

#14 von Reinhard , 05.10.2013 16:10

Grünes Licht

Mit der Einstellung einer Quartiermanagerin zum 1. Oktober, nachdem die Stelle ursprünglich bereits zum 1. August ausgeschrieben war, ist für den Bürgerantrag eine Bedingung erfüllt, die der Blumenthaler Beirat an eine Behandlung geknüpft hat. Die Beiratsmitglieder können jetzt ihre Fragen einer WiN-erfahrenen Sozialarbeiterin stellen. Dabei muss natürlich offen bleiben, ob sie auch über die Vorüberlegungen im Lenkungskreis Zentrumsentwicklung Blumenthal und in der Sozialbehörde Auskunft geben kann, die im Bürgerantrag erfragt werden, denn in dieser Zeit hat die neue Quartiersmanagerin vor Ort in Tenever gearbeitet.

Aber das muss für ihre Tätigkeit in Blumenthal sicherlich kein Nachteil sein, auch wenn sich die bestehenden Strukturen in Tenever und Blumenthal deutlich unterscheiden, da in Tenever bereits die WiN-Struktur aufgebaut war, während in Blumenthal vermutlich sogar erst die Institutionen geschaffen werden müssen, die von den Quartiersmanagern üblicherweise vernetzt werden.

Problematisch kann dabei allerdings die Befristung der Stelle sein, sodass nur ganz mutige Inhaberinnen auch eine Beurteilung wagen werden, die möglicherweise als Kritik an der Vorgehensweise des Arbeitsgebers interpretiert werden kann.

Spannend kann deshalb die Reaktion des Blumenthaler Beirats werden. Wird man sich jetzt beruhigt zurücklehnen und der Sozialbehörde vertrauen oder wird man sich selbst entsprechend dem eigenen Beschluss um zusätzliche Maßnahmen bemühen, die über den Routinekatalog in WiN-Gebieten hinausgehen?

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RE: zum heutigen Beitrag im BLV - Seite 2-

#15 von Lola , 16.10.2013 18:17

von Regina Drieling "Erwartungen sind groß" http://www.das-blv.de/front_content.php?idcat=33&idart=1076
,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,


Große Erwartungen und kleines Budget paßt nicht zusammen. Die neue Quartiersmanagerin für das Gebiet George-Albrecht-Straße, hat gleich zu Beginn Ihrer Tätigkeit eine klare Linie gezogen: „ Es ist eine langwierige Aufgabe und eines muss klar sein: Probleme wie fehlende Arbeitsplätze und der wirtschaftliche Niedergang lassen sich nicht mit Quartiersarbeit lösen“:(Quelle: BLV)
Den „Kümmerern“ hat man noch ein jährliches Budget von € 60.000,- eingeräumt. Wenn ich es recht in Erinnerung habe wurde ein Vertrag von 2 Jahren vereinbart.

Frau Schulz hat ein Budget von jährlich € 20.000,-- zur Verfügung.(Quelle; BLV)
Gerade für kleine Gebiete gibt es Stiftungen mit speziellen Programmen.

Leider wurde mein Bürgerantrag der sich mit dem Thema Modellvorhaben „Roma-Integration in Blumenthal“ beschätigt, bis zum Eintreffen der neuen Quartiersmanagerin, vom Beirat auf Eis gelegt.

Modellvorhaben "Roma-Integration"

Man hätte einfach nur die beiden Fragen an die zuständige Stelle zur Beantwortung weiterleiten müssen, dann hätte man der Quartiersmanagerin in dieser Richtung schon mal Hilfestellung gegeben.

Ob ihre Erwartungshaltungen, die sie an die Blumenthaler hat, erfüllt werden, muss sich erst noch zeigen..

„Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf“


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Kurden - eine Minderheit in Deutschland?
" Soziale Brennpunkte im Bremer Norden"

Burg Blomendal (Quelle: wikipedia)
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