Kraftwerk Farge (Quelle: wikipedia)

Kinderbauernhof mit kreationistischem Programm?

#1 von Reinhard , 14.06.2013 09:53

Ein Trojanisches Pferd zum Streicheln ?

In der letzten Blumenthaler Beiratssitzung wurde ein Projekt für einen Kinderbauernhof, das in der Nähe des Farger Fähre realisiert werden soll, von den Mitglieder des Förderkreises vorgetragen werden soll.

Das ist sicherlich auf den ersten Blick eine sehr erfreuliche private Initiative, die viel soziales Engagement zeigt und auch im Stadtbezirk Blumenthal eine Einrichtung schaffen will, die bereits in teilweise vergleichbarer Form in den WiN-Gebieten Gröpelingen, Huchting und Tenever unter Namen wie Streichelzoo „Wilder Westen“, Stadtteilfarm und Kinder- und Jugendfarm bekannt und beliebt ist. So war etwa in einer Bewohnerbefragung der Streichelzoo in Gröpelingen eine der bekanntesten WiN-Maßnahmen überhaupt.

Zwischen der guten Absicht und einer sinnvollen Realisierung bestehen jedoch Unterschiede. Das gilt bereits für die Standortwahl, denn der Hinweis auf eine Verbindung mit dem WiN-Gebiet Lüssum-Bockhorn dürfte allein von der realen Entfernung her weit hergeholt sein. So sprachen die Initiatoren auch von Besuchen der Großeltern mit ihren Enkeln, während die realisierten Beispiele sich als Teil des jeweiligen WiN-Konzepts sehen und für Impulse im Problemgebiet sorgen sollen. Im Stadtbezirk Blumenthal wäre bei einem ähnlichen pädagogischen Konzept daher eher an einen Standort in Lüssum oder in der Nähe der George-Albrecht-Sttraße zu denken, sodass auch Kinder ohne Begleitung „ihren“ Bauernhof selbst gefahrlos erreichen können.

Recht vorläufig scheint auch das Finanzkonzept zu sein, da kaum mit nennenswerten Produktionsumsätzen zu rechnen ist. In Gröpelingen, Huchting und Tenever sind die Einrichtungen in das jeweilige WiN-Projekt eingebunden, während hier nur von einem „Anzapfen“ von EU-Mitteln gesprochen wurde. Wenig war zudem über die Fachkompetenz der vorgesehenen Mitarbeiter zu erfahren. Man kann daher leicht die Sorge haben, dass hier ein nicht ganz ausgereiftes Projekt mit Tieren enden kann, um die sich ein Tierheim kümmern muss.

Aber das sind alles vordergründige Gesichtspunkte! Etwas mehr über die Motivation des Fördervereins lässt sich vermutlich ableiten, wenn man die Aussagen etwas genauer liest und einige Verbindungen herstellt. So soll es sich nicht um eine Kinder- und Jugendfarm wie in Tenever, sondern um einen Christlichen Kinderbauernhof handeln. Auch das ist sicherlich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht negativ zu sehen, vor allem dann nicht, wenn auch Moslem-Kinder die Tiere betreuen dürfen, wie versichert wurde.

Allerdings gemahnt ein anderer Hinweis zur Vorsicht. Die Initiatoren sind Mitglieder der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), für die ein Wort wie Schöpfung, das auch in der Beiratspräsentation nicht vergessen wurde, eine ganz besondere Bedeutung hat. Diese Religionsgemeinschaft lehnt die Evolutionstheorie ab und will sie durch den Kreationismus ersetzen, also einen wortwörtlichen Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte. Damit vertritt sie eine Position, die sich mit der des Islams deckt.

Wie hieß es doch gleich am Montag? „Wir wollen Werte vermitteln, die sich 3000 Jahre gehalten haben“. Mit dieser Zeitangabe kann zweifellos kein christlicher Wert gemeint sein, sondern nicht zuletzt der jüdische Schöpfungsmythos, von dem es zwei Versionen gibt, und zwar in der sogenannten Priesterschrift und vom Jahwisten, die in der angegeben Zeit fixiert worden sein sollen.

Will der „Christliche“ Kinderbauernhof vielleicht diesen Mythos vermitteln und die Evolutionstheorie schon bei kleinen Kindern verketzern?

Möglicherweise kann dann Blumenthal zu einer ähnlichen Berühmtheit gelangen wie vor Jahrzehnten die Kleinstadt Dayton in Tennessee, wo der sogenannte Affenprozess geführt wurde, in dem es um die Evolutionstheorie und damit die Freiheit wissenschaftlichen Denkens ging.

Reinhard  
Reinhard
Beiträge: 1.139
Registriert am: 24.01.2013


Kinderbauernhof ohne Sündendogma

#2 von Reinhard , 16.06.2013 17:53

Kinderbauernhof ohne Sündendogma

Wie man einen Kinderbauernhof mit einem klaren Konzept aufbauen und betreiben kann, zeigt beispielsweise die sicherlich nicht unchristliche Stadt Neuss.



Dort sollen die Kinder lernen, verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen, wobei „Verantwortung mit Verstehen anfängt“. Daher werden „auf zwei Etagen Lebensräume von Pflanzen und Tieren gezeigt, mit denen sich die Kinder spielend vertraut machen können.“ So erhalten sie nicht nur einen Einblick in die besonderen Eigenschaften der unterschiedlichen Lebensräume, sondern erfahren darüber hinaus, wie sich das bäuerliche Leben in den letzten hundert Jahren veränderte.“

Hier wird der Bauernhof also als Lernort verstanden, zu dem die Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauerhof e.V. bereits eine Reihe von Arbeitsmaterialien vorgelegt hat, die sich u.a. mit nachhaltiger Ernährung und der Umweltbildung für jugendliche MigrantInnen beschäftigen.

An keiner Stelle wird beim Kinderbauernhof Neuss das Konzept auf „Christus“ zurückgeführt, der durch „seinen Kreuzestod“ den Menschen „von seiner Sünde befreit“ und „ihn zugleich aber auch dazu verpflichtet, den Mitmenschen als Partner und Nothelfer zu unterstützen“, wie es der Blumenthaler Initiator gegenüber der Norddeutschen im Hinblick auf seine Vision für Farge versucht hat.

Dieser Zusammenhang dürfte dabei sicherlich ohnehin nur Eingeweihten klar geworden sein.

Es ist daher die Frage, ob Blumenthal wirklich einen Kinderbauernhof mit einem derart eingeengten pädagogischen Hintergrund braucht oder ob es nicht auch im Interesse der christlichen Initiatoren besser wäre, ein erheblich breiteres und offeneres Modell zu entwickeln und praktisch umzusetzen.

Ein Kinderbauernhof am richtigen Ort und mit einem überzeugenden pädagogischen und wirtschaftlichen Konzept ist zweifellos eine gute Sache; die Förderung einer Erziehungseinrichtung, die nach den dogmatischen Prinzipien der Lutherzeit geführt wird, mit heutigen Steuermitteln hingegen eine eher fragwürdige Angelegenheit.

Reinhard  
Reinhard
Beiträge: 1.139
Registriert am: 24.01.2013


RE: Kinderbauernhof ohne Sündendogma

#3 von Lola , 16.06.2013 19:04

..ich habe mir schon einige Tage darüber den Kopf zerbrochen, wie ich meinen Beitrag formulieren könnte, denn wenn man Visionen hat wie die Initiatoren und mit welcher Zielrichtung dieser Kinderbauernhof ins Leben gerufen wird und geführt werden soll, denke ich mal sollte man dafür keine Steuergelder einfordern, weil die Zielrichtung eben nicht neutral ist.
Selbstverständlich ist es wichtig, das Kinder das Gefühl für die Natur bekommen und lernen das respektvolle Umgehen mit den Tieren sowie mit Lebensmitteln. Wieviel Energie und Mühe es bringt 1 Pfund Butter herzustellen. Das sind für mich Werte die ein Kinderbauernhof vermitteln sollte, wenn man die breite Bevölkerung erreichen möchte. Ein Kinderbauernhof sollte ein Lernort sein, wie schon das Video im vorangegangenen Beitrag anschaulich vermittelt hat.

Lola  
Lola
Beiträge: 1.197
Registriert am: 24.01.2013


RE: Kinderbauernhof ohne Sündendogma

#4 von Reinhard , 17.06.2013 09:09

Gerade für Blumenthal könnte der Kinderbauernhof in Neuss ein Vorbild sein, da dort die Schafschur eine ganz besondere Attraktion darstellt. Das sollte in einem Ort, der durch eine Wollkämmerei groß geworden ist, nicht nur für die Kinder ein spannendes Erlebnis sein, sondern auch für die ehemaligen Mitarbeiter der BWK, die mit dem Waschen und Kämmen von Rohwolle beschäftigt waren.

Reinhard  
Reinhard
Beiträge: 1.139
Registriert am: 24.01.2013


Bauernhof als Ort der Geborgenheit

#5 von Lola , 04.07.2013 07:52

http://www.weser-kurier.de/region/zeitun...rid,608076.html

Zitat
Mitglieder der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche weisen Kritik zurück: Kein Zusammenhang zum Projekt in Farge - 04.07.2013
Bauernhof als Ort der Geborgenheit
Von Christina Denker

Blumenthal. Werte wolle man vermitteln. Werte, die sich seit 3000 Jahren gehalten haben. Das sagte Erhard Wegner vom Verein Christlicher Kinderbauernhof Bremen-Nord jüngst während einer Sitzung des Blumenthaler Beirats. An diesem Abend erläuterte er Details zu den Plänen des Vereins, in Farge auf einem rund 1,3 Hektar großen Gelände einen solchen Hof einrichten zu wollen – als eine Einrichtung "fürs Rentenalter, zu dem man Kinder und Enkel einlädt, ihn mit zu bewirtschaften". Vielerorts stößt dieses Projekt auf großes Lob. Doch es gibt auch kritische Stimmen, Menschen, die Sorge tragen, dass hier zweifelhafter religiöser Einfluss auf die Besucherkinder ausgeübt wird.
.....
Im Bericht wird auch die Homosexualität angesprochen und da heißt es "Praktizierte Homosexualität etwa entspreche nicht dem Schöpferwillen und müsse daher als Sünde bezeichnet werden" gleichzeitig sagt man aber dazu "zugleich halten wir als lutherische Kirchen fest, dass wir homosexuell empfindenden Menschen in ihrer Lebenssituation mit größtmöglicher christlicher Liebe, Geduld und sellsorgerilicher Zuwendung begegnen."
Zitat Ende

Lola  
Lola
Beiträge: 1.197
Registriert am: 24.01.2013


Wo bleibt die Toleranz?

#6 von Reinhard , 07.07.2013 11:26

Wo bleibt die Toleranz?

Die Initiatoren eines betont Christlichen Kinderbauernhofs (CKB) in Farge sehen sich zu Unrecht kritisiert. Dabei beschäftigen sich die Vertreter dieses Vorhabens jedoch weder mit der Standortwahl des Projekts noch dem kaum erkennbaren finanziellen und pädagogischen Konzept.

Ihnen geht es ausschließlich um eine ganz andere Frage. So bestätigen sie, dass die SELK in vielen wichtigen Punkten die heutige Kultur ablehnt und mit ihr viele verbindliche rechtliche Regelungen. Dabei ist Homosexualität schlicht und einfach keine sexuelle Orientierung, sondern „Sünde“, und die wissenschaftliche Evolutionstheorie soll zumindest in einer Mythologie, wie sie vor 3.000 Jahren entstanden ist, einen „Gegenentwurf“ haben. Auf andere „bibeltreue, konservative“ Positionen wie das Verbot von Eheschließungen nach Scheidungen oder die nicht als gleichberechtigt angesehene Rolle der Frau muss dabei nicht weiter eingegangen werden; denn alles soll „mit dem Projekt des christlichen Kinderbauernhofs nichts zu tun" haben.

Nur wie soll man die „Achtung vor Menschen näher bringen“ und „den Menschen zu mehr Menschlichkeit verhelfen“, wenn man Menschen wie etwa geschiedene Elternteile, Homosexuelle und Frauen so voller Sünde oder als nicht so ganz vollwertige Menschen sieht?

Das scheint nicht gut möglich zu sein, wie der Initiator des Christlichen Kinderbauernhofs zum Ende des Artikels selbst einräumt. Danach meint er: „Eine gottlose Gesellschaft geht vor die Hunde“. Dabei erfahren die Leser nicht genau, was damit gemeint ist und vor allem was er unter „gottlos“ versteht. Es werden doch wohl nicht alle diejenigen sein, die nicht dasselbe glauben wie er selbst?

Zumindest sind unbewiesene Behauptungen wie „Eine gottlose Gesellschaft geht vor die Hunde", keine gute Grundlage für einen „Erlebnisort des Lernens“, denn ihnen fehlt das Eingeständnis möglicher eigener Fehlurteile und damit die Notwendigkeit zur Toleranz gegenüber Menschen, die anders glauben.

Wer von dieser Position ausgeht und auf einem dezidiert Christlichen Kinderbauernhof beharrt, scheint zumindest einer dogmatischen Erziehung, die man in ihrer lutherischen Tradition heute leicht als Kindesmisshandlung sehen kann, näherzustehen als einem pädagogischen Konzept, das Kinder auf ihre Rolle als mündige Bürger einer modernen Gesellschaft vorbereiten will.

Reinhard  
Reinhard
Beiträge: 1.139
Registriert am: 24.01.2013


   

Rathaus-Arbeitskreis Bremen-Nord
Altlasten im Gewerbegebiet Claus v.Lübken-Straße

Burg Blomendal (Quelle: wikipedia)
Xobor Forum Software ©Xobor.de | Forum erstellen